«Die Gründung der Schweizer Mustermesse war ein Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft, es ging um Wirtschaftsförderung ...»

Freitag, 8. Februar 2019: Rede zur Eröffnung der letzten MUBA im Februar 2019

Sehr geehrter Herr Präsident des Verwaltungsrates, lieber Ueli Vischer
Geschätzter Kollege Ruedi Ulmann aus Appenzell Innerrhoden
Geschätzter CEO, lieber Hans-Kristian Hoejsgaard
Liebe Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Medien
Meine Damen und Herren

Heute treffen wir uns zur letzten Eröffnung der Muba.  Ich bin etwas wehmütig, das gebe ich zu, ist die Muba doch nicht irgendeine Messe. Mit der Muba, wie die Schweizer Mustermesse seit 1984 heisst, hat alles angefangen. Sie stand am Anfang der Messe Schweiz, der MCH Group AG, sie stand am Anfang des Messestandortes Basel, von dem wir alle seit Jahrzehnten profitieren, das Unternehmen, die Stadt, die Hotels, die Restaurants, die Bars, das zuliefernde Gewerbe.

Aus der Schweizer Mustermesse haben sich über die Jahre andere Messen entwickelt, sie ist die „Mutter aller Messen“. Sie hat erlebt, wie ihre Töchter gross wurden, sich verselbständigt haben und ausgezogen sind, wenn ihnen der familiäre Rahmen zu eng wurde. Sie hat sich immer wieder neu erfunden – aber jetzt ist der Moment für sie gekommen, in Würde abzutreten. Und dazu gehört ein Blick zurück in ihre Geschichte.

Das mache ich diesmal besonders gerne, will es doch der Zufall, dass ich als Geschichtsstudentin in den 80er Jahren mit einem Kollegen eine Arbeit über die Gründungsgeschichte der Schweizer Mustermesse geschrieben habe. Und nun stehe ich hier und darf an der Derniere ein paar Worte sagen. Einen Bundesrat oder eine Bundesrätin konnten wir nicht mehr gewinnen, das ist schade, war doch die Landesregierung bei der Entstehung dabei und kam eine Vertretung auch Jahr für Jahr nach Basel an die Eröffnung.

Mitten im Ersten Weltkrieg, im April 1917 wurde die erste Schweizer Mustermesse in Basel durchgeführt. Die Schweiz war zwar vom Krieg verschont geblieben, aber der internationale Güterverkehr war unterbrochen. Immer mehr Menschen in der Schweiz litten bittere Not, der Wirtschaft fehlten die Absatzmärkte. Positiv formuliert war es aber auch eine Gelegenheit für die einheimische Industrie, in die Lücke zu springen, welche sich durch das Fehlen der ausländischen Produkte aufgetan hatte. Und hier setzte die Idee für die Gründung einer Schweizerischen Mustermesse an.

Bereits anlässlich seiner Bewerbung als Direktor des Basler Gewerbemuseums und der allgemeinen Gewerbeschule im Jahr 1914 hatte der belgische Kunstmaler Jules de Praetere die Idee vorgebracht. Die Idee fiel bei der Basler Regierung auf fruchtbaren Boden. Der Basler Regierungsrat Fritz Mangold lobbyierte zusammen mit de Praetere auf Bundesebene dafür, Mangold präsidierte auch eine eidgenössische Kommission, die sich mit der Frage befasste.

In dieser Kommission diskutierte man über die Förderung von Absatzkanälen im In- und Ausland, schliesslich setzte sich aber das Konzept einer nationalen Messe durch, d.h. mit nationalen Ausstellern und in der Schweiz hergestellten Produkten, besonders von kleineren und mittleren Firmen, da man davon ausging, dass die Grossindustrie ihre eigenen Absatzkanäle hatte. Diese neuen Schweizer Produkte mussten bei Händlern und Bevölkerung bekanntgemacht werden. Und natürlich erhoffte man sich, eine Produktbindung herstellen zu können, die den Krieg überdauern würde.

Und der Basler Regierungsrat, unterstützt von der Basler Handelskammer, wollte, dass die Messe in Basel stattfinde. Durch seine Grenzlage, durch den Krieg seines Hinterlandes beraubt, hatte Basel innerhalb der Schweiz eine Belebung seiner Wirtschaft besonders nötig. Die Basler wussten, dass sie schnell vorgehen mussten, damit ihnen nicht eine andere Stadt in der Schweiz zuvorkäme. In den Quellen wird offen formuliert, dass Basel nun nicht die geeignetste Stadt in der Schweiz sei von ihrer Lage her, aber man müsse einfach etwas tun, auch auf die Gefahr hin, dass das Vorhaben misslänge. Basel brauche dringend irgendeine Veranstaltung, eine Belebung irgendwelcher Art. Durch seine geographische Lage sei es ins Abseits geraten. Wichtige Neubildungen des Krieges (Organisationen, Syndikate etc.) hätten alle Sitz in Bern und Zürich. Das schrieb Traugott Geering, Sekretär der Basler Handelskammer, in seinem Gutachten vom 27. Juni 1916 zu Handen des Regierungsrates.

Und die Regierung handelte. Das Organisationskomitee der ersten Messe im April 1917 wurde vom Regierungsrat zusammengesetzt und der Präsident wie auch die beiden Vizepräsidenten waren Mitglieder des Regierungsrates, nämlich Dr. Hermann Blocher, Fritz Aemmer und Fritz Mangold. Jules de Praetere war der erste Direktor.

Die erste Messe war ein voller Erfolg: 831 Austeller und geschätzte 300‘000 Besucherinnen und Besucher drängten sich in den provisorischen Messehallen, was schon damals zu Klagen der Aussteller führte, sie könnten mit den Händlern nicht in Ruhe ihre Geschäfte abschliessen! Aber es stand für die Messeleitung ausser Frage, auch das Publikum zuzulassen, schliesslich ging es von Anfang an darum, eine Plattform für die Händler zu sein, aber gleichzeitig die einheimischen Produkte bei der breiten Bevölkerung bekannt zu machen.

Auch Diskussionen um den Standort der Messe in der Schweiz gab es gleich nach der ersten erfolgreichen Durchführung: die Genfer wollten, dass die Messe jedes Jahr in einer anderen Schweizer Stadt durchgeführt werde, die Lausanner wollten, dass die Messe einmal in Basel und einmal in Lausanne stattfinden solle. Der Bundesrat entschied daraufhin 1919 an einer Konferenz in Bern, dass die Gruppen Nahrungsmittel und Landwirtschaft der Lausanner Herbstmesse, dem „Comptoir Suisse“, alle übrigen Gruppen, also die Industrieprodukte, der Schweizer Mustermesse im Frühjahr in Basel zugeteilt werden sollten.

Die Gründung der Schweizer Mustermesse war ein Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft, es ging um Wirtschaftsförderung, und während 30 Jahren deckte der Kanton die Defizite der Messe. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie selbsttragend.

Viele der Themen, die schon in den Gründungsjahren diskutiert wurden, kommen mir als Messeverwaltungsrätin immer noch sehr bekannt vor: Soll eine Messe nur für die Händler oder auch für das Publikum da sein, geht es um den nationalen Markt oder hat man die Welt im Blick, soll die Messe mitten in der Stadt liegen oder soll man ausserhalb bauen, wie schnell sind die Zyklen der Produktion und Konsumbedürfnisse, lohnen sich langfristige Investitionen und Expansion, wie vermittelt die Messeleitung zwischen den sich widersprechenden Bedürfnissen von Ausstellern und Publikum und der Aussteller unter sich bzw. der Messe und der Stadt usw….

Der offizielle Tag, der Kantonstag, das Gastland, der Pressetag, der Tessinertag, der Baselbietertag, der Tag der Frau – die Messe war gut darin, Traditionen zu erfinden und das Publikum machte mit! Hochzeit der Messe waren die 60er und 70er Jahre, 1966 knackte sie die Millionengrenze, in der Hochkonjunktur nach dem zweiten Weltkrieg war die muba zum „Konsummekka“ geworden, ich glaube, das Bild, das wir alle haben von der muba, stammt aus dieser Zeit.

„Im Takt der Zeit“ heisst der Titel des wunderschönen Buches, herausgegeben von Patrick Kury und Esther Baur, mit dem die Muba zu ihrem hundertsten Geburtstag eine passende Würdigung gefunden hat. Neben guten Texten finden Sie darin tolle Fotos, die sicher auch bei vielen von Ihnen schöne Erinnerungen aufkommen lassen an die Zeiten, als Sie mit Ihren Eltern mit dem Zug nach Basel reisten, im Néstle-Kindergarten versorgt wurden, während Ihre Eltern eine neue Wohnwand oder Waschmaschine suchten und mit Messerabatt bestellten oder später, als Sie sich einen Überblick über Stereoanlagen verschaffen wollten, Ihre Frau eine Modeschau besuchte oder Ihnen mitteilte, dass das Mittagessen im Backofen stehe, weil sie am Tag der Frau sei….

In unserer heutigen Zeit des Onlineshoppings ist es mit dieser Art von Publikumsmessen mit gemischtem Angebot vorbei. Der Comptoir Suisse in Lausanne und die Züspa in Zürich finden in diesem Jahr nicht mehr statt, die muba zum letzten Mal.

Viele unserer Fachmessen blühen, andere, wie die Baselworld machen uns auch gerade grosse Sorgen, radikales Neudenken ist angesagt, das gehört zum Messewesen, das sich eben im Takt der Zeit bewegt, nicht nur bei uns und nicht nur heute.

Ich glaube nicht, dass sich Menschen irgendwann nicht mehr treffen wollen – aber es wird neue Konzepte brauchen, eine Mischung zwischen digitalen Angeboten und physischem Erlebnis vor Ort – „hybride“ Plattformen nennen das die Spezialisten. Immer wieder neue Wege gehen, nicht zaghaft, sondern mutig, wie unsere Vorväter, zum Beispiel Regierungsrat Hermann Blocher, der am 5. Juli 1916 an einer Sitzung der Kommission für Handel, Industrie und Gewerbe sagte, „Wir sollte die Sache probieren, selbst auf die Gefahr eines Fiaskos hin.“ (Herzog, S. 7)

Wir werden sehen, wohin die Reise führt. Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann: Ich freue mich auf die muba 2019, die zusammen mit einigen ihrer Kinder feiert: Mit der Baselworld, der Giardina und der Swissbau. Den Muba-Verant­wortlichen möchte ich ganz herzlich danken, dass sie auch bei der Dernière nochmals alle Register gezogen haben. Ich hoffe, Sie werden dafür nicht nur mit der Ehre, Fasnachtssujet zu sein, sondern auch mit einem grossen Publikumszuspruch belohnt.

Ich freue mich auch darauf, den Gastkanton Appenzell Innerrhoden und das Gastland Ja­pan zu besuchen - beide möchte ich in Basel im Namen der Regierung ganz herzlich willkommen heissen, ebenso natürlich alle Ausstellenden und Gäste an der Muba 2019. Ihnen allen wünsche ich gute Geschäfte.

In diesem Sinne, auf eine erlebnisreiche letzte Muba und viele weitere Treffen „bei der grossen Uhr“. Seit 1954 tickt sie unaufhörlich und unbestechlich, immer vorwärts, nie zurück.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit