«Das subjektive Empfinden ist ein wesentliches Element im menschlichen Zusammenleben.»

16. Januar 2019: Neujahrsansprache Pfarramt für Industrie und Wirtschaft, Basel

Liebe Frau Bowald,
lieber Martin Dürr,
lieber Andreas Burckhardt,
geschätzte Damen und Herren

Ich freue mich sehr, dass ich heute Abend an Ihrem Neujahrsapero ein paar Gedanken einbringen darf.

«Verunsicherung in einer sich schnell verwandelnden Welt» – sei ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit im 2019, schrieb Martin Dürr in seinem Brief, als er Andreas und mich anfragte für den heutigen Abend. «Was die Welt zusammen hält» – ist nun das Motto des heutigen Abends.

Unter beiden Titeln werden dieselben Themen angesprochen, der erste legt den Fokus eher auf die Analyse, die Klage, der zweite fordert ein, etwas dazu zu sagen, wie wir die diagnostizierten Schwierigkeiten überwinden können.

«Was die Welt zusammenhält? Rationalität, religiöse Toleranz, Bürgerrechte, allgemeine Menschenrechte.»

Medien, Reflexionen, Aufsätze und wissenschaftliche Arbeiten insbesondere von Politologen und Soziologen vermitteln uns heute gerne den Eindruck, in einer besonderen Zeit zu leben: die Digitalisierung, die technische Revolution unserer Zeit verändert die Arbeits- und Lebenswelt in zunehmendem Tempo, feststehende Werte ändern sich, Gewissheiten erodieren.

Aber Wandel und Veränderungen sind nicht spezifisch für unsere heutige Zeit und Verunsicherung erst recht nicht. Wenn wir Geschichtsbücher lesen über den Dreissigjährigen Krieg, an den man sich im letzten Jahr stark erinnerte oder wenn wir Medienberichte lesen  über die Krisengebiete unserer Tage, sei dies Afghanistan, Syrien oder der Jemen – dann werden unsere Probleme klein, die wir unter dem Titel “Verunsicherung” thematisieren.
«Was die Welt zusammenhält»

Welche Gewissheiten und Perspektiven hatten die Menschen im Kriegsgebiet zwischen 1618 und 1648? Die Kriegshandlungen selbst, aber auch die durch sie verursachten Hungersnöte und Seuchen verwüsteten und entvölkerten ganze Landstriche. In Teilen Süddeutschlands etwa überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung. Einige vom Krieg betroffene Territorien benötigten mehr als ein Jahrhundert, um sich von deren Folgen zu erholen. Dasselbe gilt für die Kriegs- und Krisenherde von heute, wo es in erster Linie ums nackte Überleben geht. Oder wenn wir in Europa bleiben: die Perspektiven der jungen Generation in Griechenland, Italien oder auch Spanien auf ein selbstbestimmtes und ökonomisch unabhängiges Leben sind nach wie vor um einiges kleiner als das der jungen Menschen bei uns.

Unsere Ausgangslage ist vergleichsweise gut, das sollte uns demütig machen und uns auch den Mut geben, die Probleme anzupacken, denen wir gegenüberstehen. Und diese will ich nicht kleinreden. Die digitale Revolution krempelt unsere Wirtschaft um, bringt Arbeitsplätze zum Verschwinden, ändert die Formen der Arbeit und ist eine Herausforderung für unsere Sozialwerke. Widerstand gegen die technologischen Veränderungen ist so zwecklos wie der Maschinensturm. Aber die Geschichte sollte uns lehren, dass wir die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, also insbesondere Arbeitsrecht und Sozialwerke rechtzeitig an die neuen Gegebenheiten anpassen. Sonst droht die Gefahr, dass gesellschaftliche Unruhen entstehen oder rechts-populistische Strömungen auch bei uns stärker werden, wie wir das derzeit in vielen anderen Ländern beobachten.

Ich war ja schon vor Jahren schockiert über den fremdenfeindlichen Diskurs und die entsprechenden politischen Inhalte der SVP. Sie hat eine Ausländerproblematik heraufbeschworen, die keine war und hat damit Stimmen gemacht. Sie hat früh angefangen und sie ist heute wählerstärker als beispielsweise die AfD – und ist gleichzeitig gemässigter in Ton und Inhalten als die AfD. Was ist der Grund? Ich sehe die Gründe vor allem in der direkten Demokratie, an mehr Partizipation, darin, dass wir uns auch zu Sachfragen äussern, nicht nur alle vier Jahre Parteiprogramme und Personen wählen und dass wir ein Mehrparteiensystem haben in der Regierung. Das dämpft Extreme ab und das ist gut so. Und das soll auch so bleiben: ich halte nichts von den Rufen, mit der Konsensdemokratie in der Schweiz aufzuhören und sich radikal zu positionieren, endlich Tacheles zu reden… Wo führt das hin?

Ich habe zu Beginn gesagt, Veränderungen und Verunsicherungen sind nicht ein Merkmal unserer Zeit. Aber es gibt etwas, was mir wirklich Sorgen macht und wo ich sage, das ist eine Verunsicherung von besonderer Qualität, weil sie an den Grundwerten rüttelt, an die ich glaube: Die Art, wie der amerikanische Präsident, also an sich nicht irgendwer, wie Mitglieder der AfD, der italienische Innenminister oder der neu gewählte brasilianische Präsident über Menschen sprechen, so verachtend und respektlos, jedes Tabu missachtend, das hätte ich in der heutigen Zeit, mit den historischen Erfahrungen, die wir gemacht haben im 20. Jahrhundert, nicht mehr für möglich gehalten. Dass die Selbstbestimmungsinitiative der SVP die allgemeine Gültigkeit der Menschenrechte in Frage stellte, hat mich erschüttert und aufgeschreckt. Wie soll das Zusammenleben der Menschen gestaltet werden, wenn die Universalität der Menschenrechte ein beliebiges Konzept ist neben anderen?

«Was die Welt zusammenhält» – damit komme ich zum Titel des heutigen Abends. Was ist es? Mir kommt nichts Neues in den Sinn. Meiner Meinung nach haben sich die Werte bewährt, welche in der Zeit der  Aufklärung formuliert wurden: Rationalität, also Berufung auf die Vernunft als allgemeine Urteilsinstanz, religiöse Toleranz, Bürgerrechte, allgemeine Menschenrechte, in deren Tradition die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vor 70 Jahren steht.

«Das ist kein Naturgesetz und kommt nicht von alleine, dafür müssen wir uns alle unermüdlich einsetzen.»

Viele Menschen in unseren Breitengraden fühlen sich heute bedroht von der Zuwanderung von Menschen aus weit entfernten Kulturkreisen, schwanken zwischen humanitären Gesten und der Angst vor Verlust ihrer Identität. Das müssen wir ernst nehmen, ob berechtigt oder nicht, das subjektive Empfinden ist ein wesentliches Element im menschlichen Zusammenleben.

Deshalb brauchen wir klare Regeln, basierend auf einem Fundament von gegenseitigem Respekt und einem Umgang auf Augenhöhe. Wer zu uns kommt, muss unsere gesellschaftlichen Regeln respektieren und einhalten – wenn sie vereinbar sind mit den Menschenrechten, und das ist in der Schweiz der Fall.

Damit komme ich zum Schluss: Gegenseitiger Respekt auf der Basis von demokratisch erwirkten Regeln in Form von Verfassung und Gesetzen, welche der universellen Gültigkeit der Menschenrechte folgen – das ist es, was unsere Welt zusammenhält, aber das ist kein Naturgesetz und kommt nicht von alleine, dafür müssen wir uns alle unermüdlich einsetzen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes 2019!