27. Juni 2012: Rede an der Maturfeier des Gymnasiums Kirschgarten, Pauluskirche, Basel
Liebe Maturi et Maturae
Liebe Familienangehörige
Sehr geehrter Herr Rektor
Liebe Lehrerinnen und Lehrer
Geschätzte Anwesende
Durch die Neuverfilmung der Geschichte des «Dällebach Kari», die an den letzten Solothurner Filmtagen gezeigt wurde, hat vielleicht der eine oder die andere von Ihnen von dieser Figur gehört, diesem Berner Coiffeur, der in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Bern einen Coiffeursalon hatte. Mani Matter, der Berner Troubadour, hat ihn in einem wunderschönen Lied verewigt.
Der Dällebach Kari war eine tragische Figur, er hatte eine stark ausgeprägte Hasenscharte, etwas, was man damals noch nicht so gut operieren konnte wie heute, er nuschelte, die Leute machten sich über ihn lustig, dachten, er sei geistig zurückgeblieben, und er gab zurück, indem er Witze erzählte, sich selber auf die Schippe nahm, um den unverdienten Spott zu ertragen.
Dieser Dällebach Kari war in Wirklichkeit ein sehr kluger Mann und er hat etwas sehr Philosophisches gesagt: Es gibt immer drei Versionen einer Geschichte: deine, meine und wie es wirklich war. Dies möchte ich meinen Überlegungen, die ich an Ihrem grossen Tag, liebe Maturi und Maturae, hier in der Pauluskirche anstellen darf, zugrunde legen.
Jeder Krimi baut im Grunde auf dieser Beobachtung auf: Am Anfang geschieht ein Mord, wir und die Kommissarin sehen aber nicht, wie es geschah – dies herauszufinden, ist schliesslich der Inhalt der folgenden 60 Minuten. Deren Spannung besteht ja genau im Wettlauf der Wahrheiten, die uns präsentiert werden, erträglich ist dies nur, weil wir wissen, dass wir – im Gegensatz zum tatsächlichen Leben – am Schluss immer wissen, «wie es wirklich war». Darum sind wir alle so glücklich und zufrieden nach dem Krimi am Sonntagabend!
«Die Medien sagen uns, was passiert ist, ganz objektiv, und bieten fein säuberlich getrennt davon ihre Sicht der Dinge in Form eines Kommentars dar. Sie widersprechen? Zu Recht. Das war einmal.»
Im tatsächlichen Leben ist dies leider nicht so einfach. Nehmen wir das offensichtlichste Feld, das wir alle kennen: die Medien. Die Medien sagen uns, was passiert ist, ganz objektiv, und bieten fein säuberlich getrennt davon ihre Sicht der Dinge in Form eines Kommentars dar. Sie möchten widersprechen? Zu Recht. Das waren einmal die Ziele eines seriösen Journalismus. Natürlich sind dies hochgesteckte Ziele, die nie ganz erreicht werden konnten, aber heute scheint mir dies in vielen Medienerzeugnissen nicht einmal mehr als erstrebenswert zu gelten.
Der sogenannte Recherchierjournalismus, der Missstände aufdecken wollte und dies auch tat, in der Gesellschaft, in Wirtschaft und Politik, verkommt mehr und mehr zu einem Thesenjournalismus: Der Journalist weiss bei Beginn der Recherche, wofür er Beweise und Belege finden will, sucht gezielt, setzt diese zusammen und blendet aus, was nicht in seine Story passt.
Als ausgebildete Historikerin weiss ich, dass dies in höchstem Mass unwissenschaftlich ist: Wissenschaft hat einen Anspruch auf Wahrheitsfindung. Als Medienkonsumentin fühle ich mich an der Nase herumgeführt und schlecht bedient: Hat der Journalismus doch einen Aufklärungs- und Informationsauftrag – und als Politikerin kann ich natürlich Opfer werden, ich wäre nicht die Erste.
Die konstant steigende Informationsflut von heute macht die Sache nicht einfacher. Gerade aufgrund der zunehmenden Gratisinformationen stehen den einzelnen Medienprodukten immer weniger Mittel zur Verfügung, sie haben immer weniger Manpower und die Journalisten stehen entsprechend unter einem riesigen zeitlichen Druck. Sie haben keine Zeit für lange Recherchen, reden mit wenigen Leuten, bringen vielleicht einfach die eigenen Ansichten, hinterfragen die Quellen ihrer Informationen nicht.
Und das ist der springende Punkt: Als Geisteswissenschafterin habe ich gelernt, dass es enorm schwierig ist, herauszufinden, «wie es wirklich war». Ich habe lernen müssen, die Quellen zu interpretieren, die mir zur Verfügung stehen: Wer hat etwas wann und unter welchen Umständen und Voraussetzungen geschrieben? Was waren seine oder ihre eigenen Interessen und Beweggründe? Je mehr Quellen unterschiedlicher Art man über eine Zeit und einen Sachverhalt hat, desto genauer kann man sich der Beschreibung, «wie es war», annähern. Aber als Historikerin ist mir sehr bewusst, dass dies immer eine Annäherung sein wird und dass es verschiedene Wahrnehmungen ein und desselben Tatbestandes gibt – oder eben, um es mit Dällebach Kari zu sagen: meine, deine und wie es wirklich war.
Und weil diese dauernde Relativierung, das Wissen um das Nichtwissen, ja auch recht frustrierend sein kann, haben die Naturwissenschaften immer eine grosse Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Dort gibt es doch klare Antworten – oder nicht? Was ist Ihre Erfahrung, die Sie die meisten die Schwerpunkte Physik und Anwendungen der Mathematik oder der Biologie und der Chemie gewählt haben? Mathematik habe ich in der Schule immer geliebt, hier gibt es richtig oder falsch, da gibt es nichts zu deuteln und zu diskutieren. Ähnlich faszinierend ist im Grunde Buchhaltung – nur sind da schon wieder Interpretationsspielräume und Schlupflöcher, die wir jetzt mal zur Seite lassen …!
Wie haben Sie das erlebt? Wahrheit in den Schwerpunktfächern der exakten Wissenschaften und dann zum Ausgleich Bildnerisches Gestalten oder Theaterkurse, eher so als Freizeitvergnügen? Ein Medikament kann nur produziert werden und eine bestimmte Wirkung entfalten, wenn hundertfach durchgeführte Experimente immer zum selben Resultat kommen. Angewendet auf den Menschen führen sie aber gleichwohl nicht immer zur selben Wirkung, da jeder Mensch und sein Organismus wieder anders reagieren, jede und jeder eine andere physische Voraussetzung mitbringt und auch die psychische Prädisposition nicht vernachlässigt werden darf.
Die Naturwissenschafterinnen und Naturwissenschafter wissen genauso, dass unsere Welt komplex ist und nicht einfachen mechanistischen Regeln folgt. Und viele von ihnen bauen Brücken zu den Geisteswissenschaften oder beschäftigen sich mit denselben Fragen. Ein Astronom muss sich mit der Frage beschäftigen: Woher kommen wir und wohin gehen wir? Und nicht nur in der Philosophie, auch in anderen Fächern wird – sehr bodenständig – zusammengearbeitet, wenn Sie etwa an die naturwissenschaftlichen Methoden der Datierung von Funden in der Archäologie denken, welche die Analyse von Schrifttafeln ideal ergänzen.
Und was hat das alles mit Ihnen zu tun?
Sie haben in den letzten Jahren viel geleistet und gelernt, sich mit vielen verschiedenen Themen befasst und sich ganz bestimmt beim einen oder anderen Thema gefragt, wieso Sie das lernen sollen.
Vieles werden Sie beruflich nie mehr brauchen, noch viel mehr werden Sie neu dazulernen müssen. – Obwohl man sagt, dass Sie nie mehr ein so breites Allgemeinwissen haben werden wie heute, fortan ist alles Vertiefung von Schwerpunkten. – Also, Sie haben sich ein wichtiges Fundament an Faktenwissen erworben, auf dem Sie aufbauen können und, fast noch wichtiger, an Instrumenten, wie Sie sich künftig neues Wissen aneignen können und wie Sie kritisch hinterfragen können, was Sie umgibt, wie Sie ein Thema von allen Seiten beleuchten können.
Sie haben sich vor ein paar Jahren für das Gymnasium Kirschgarten entschieden. Ich nehme an, dass es das Profil dieser Schule war, welches Sie zu diesem Entscheid veranlasst hat. Vielleicht waren es auch die Kollegen, mit denen Sie zusammenbleiben wollten. Vielleicht auch die Lage und der gute Ruf der Schule. Wahrscheinlich war es ein Mix von diesen Überlegungen und Hauptsache, Sie waren mit Freude und Motivation dabei.
Jetzt haben Sie die Matura in der Tasche und die Welt steht Ihnen offen. Dieses Gefühl, die ganze Welt steht mir offen, daran kann ich mich gut erinnern, so fühlte ich mich damals, als ich in Ihrer Situation war. Ich war voller Zuversicht und hatte Lust darauf, mich auf die Welt zu stürzen. Vor dem Studium machte ich eine Bäuerinnenschule und dann startete ich auf eine doch etwas zu lange Fahrt ans Nordkap … Nun, wir schafften es nicht bis dorthin, aber es war eine gute Erfahrung. Dann Studium, Doktorat, verschiedene Tätigkeiten im kulturellen und im Bildungsbereich – ich packte, was sich auftat und mich reizte, mal ging es daneben, meistens führten mich Kopf und Bauch an die richtige Stelle.
Auch dorthin, wo ich heute bin. Es war ja nicht gerade vorgezeichnet, dass ich als ausgebildete Historikerin einmal das Finanzdepartement dieser Stadt führen würde. Mich reizte das Regierungsmandat, auch wenn ich noch nicht lange aktiv in der Politik war, und der Rest war Mut und Interesse.
Und dies hält mich nun schon seit mehr als sieben Jahren. Es ist das Interesse, es stimmt für mich – sonst wäre es einfach zu viel Arbeit und zu wenig Freizeit, das muss ich Ihnen sagen. Und die Lust am Erkenntnisgewinn, die Lust daran, immer wieder Neues zu begreifen und für die eigenen Ziele zu verwenden.
«Lassen Sie sich von Ihren Interessen leiten, bleiben Sie offen für Neues, seien Sie bereit, andere Wahrheiten zuzulassen. Und denken Sie nicht zu einseitig an Karriere und das grosse Geld.»
Dies möchte ich Ihnen gerne mitgeben aufgrund meiner Erfahrungen: Lassen Sie sich von Ihren Interessen leiten, bleiben Sie offen für Neues, seien Sie bereit, andere Wahrheiten zuzulassen. Und denken Sie nicht zu einseitig an Karriere und das grosse Geld.
Erstens lassen sich Karrieren nicht nur in der Politik, sondern auch im Beruf nicht so einfach planen, zweitens glaube ich, dass Sie mit Interesse an der Sache statt nur mit Ehrgeiz weiterkommen, und drittens ist es einfach schrecklich, ein Leben lang eine Arbeit tun zu müssen, die einen eigentlich nicht interessiert.
Damit komme ich zum Schluss. Es wird schöne und schwierige Zeiten geben in Ihrem Leben. Wir leben in einem privilegierten Land, das allerdings auch raueren Zeiten entgegengeht. Aber lassen Sie sich davon nicht entmutigen, Sie haben sich das Rüstzeug erworben, um Ihre Zukunft zu meistern, Bildung ist das wichtigste Gut.
Damit, liebe Maturi und Maturae, gratuliere ich Ihnen persönlich und auch im Namen des Regierungsrates ganz herzlich zur bestandenen Maturprüfung im Gymnasium Kirschgarten und wünsche Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg von Herzen alles Gute.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
Juni 2012