«Wenn Plätze für Frauen reserviert sind, findet man Frauen. Sie drängen sich einfach nach wie vor nicht gerne vor.»

14. Juni 2011: Rede anlässlich des Jubiläums 20 Jahre Frauenstreiktag, Basel

Liebe Frauen

Wenn mir jemand am ersten Frauenstreiktag gesagt hätte, dass ich bei dessen 20-jährigem Jubiläum als Regierungsrätin eine Rede halten würde, hätte ich nur gelacht. Nicht zuletzt deshalb, da ich nicht gedacht hätte, dass wir nach 20 Jahren immer noch streiken würden. Aber auch 10 Jahre nach Inkraftsetzung des Gleichstellungsgesetzes und 40 Jahre nach Einführung des eidgenössischen Stimm- und Wahlrechts für Frauen gibt es noch viel zu tun in Sachen Gleichstellung.

Ich habe nicht gestreikt vor 20 Jahren! Am ersten Frauenstreiktag, am 14. Juni 1991, war ich auf einem Segeltörn in Griechenland. Wir waren eine gemischte Crew aus Frauen und Männern. Der Frauenstreiktag fiel präzis auf den letzten Tag, an dem wir das gemietete Boot vor der Rückgabe putzen mussten… Ihr schmeckt den Braten! Wir Frauen überlegten uns sehr wohl, ob wir streiken sollten, fanden dies aber nicht sehr fair, da während des Törns alle unabhängig vom Geschlecht gesteuert, Nachtwache geschoben, eingekauft und gekocht und nach der Einfahrt in einen Hafen Apéro getrunken hatten. Und dann hatten wir erst noch eine zukünftige Kapitänin getauft, indem wir sie ins Wasser schmissen. Wenn unser Alltag einmal so gleichberechtigt aussieht, dann braucht es den Frauenstreiktag nicht mehr. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

«Wir haben alle Bilder im Kopf. Hat eine Frau mit einem Mann zusammen 2 Kinder und arbeitet 80%, dann findet man, wow, die hat ja einen Stress, geht das überhaupt? Hat ein Mann mit einer Frau zusammen 2 Kinder und arbeitet 80%, fragt man sich, ob er keine Karriere machen will.»

Frauen verrichten nach wie vor den Löwenanteil der Hausarbeit, betreuen hauptsächlich die Kinder und verdienen im Durchschnitt immer noch 20% weniger als Männer. Typische Frauenberufe werden nach wie vor schlechter entlöhnt als Männerberufe, Berufsgruppen verlieren an Ansehen in der Gesellschaft, wenn Frauen zahlenmässig Überhand nehmen – und die Löhne sinken. Warum eigentlich? Warum ist weniger wert, was Frauen tun? Eigentlich ist mir das ein Rätsel. Wir stellen mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Frauen haben immer schon Mehrfachbelastungen getragen: Kinderbetreuung und Arbeit, sei es Hausarbeit oder Arbeit auf dem Feld, im Gewerbe oder in der Fabrik – dass sich Frauen ausschliesslich der Führung ihres Haushaltes und der Kinderbetreuung widmen können, ist ein Wohlstandsphänomen bzw. war in früheren Zeiten der Oberschicht vorbehalten. Und die Kinderbetreuung gehörte da nicht einmal dazu, diese ureigene Domäne der Frau, wie man uns heute sagt; die Kinderbetreuung übernahm eine Kinderfrau, und gestillt wurden die Kinder von einer Amme.

Warum lässt die eine Hälfte der Bevölkerung zu, dass die andere Hälfte – es sind nicht mehr! – bestimmt, was in einer Gesellschaft als Ganzes gilt und was nicht? Warum überlassen wir Frauen aus unterschiedlichsten Kulturen den Männern seit Jahrhunderten die Deutungsmacht, die in unterschiedlichsten Ausprägungen von einem roten Faden durchzogen ist: Was Frausein ausmacht, was Frauen tun, ist weniger wert, deshalb gesellschaftlich weniger anerkannt – und kann entsprechend auch tiefer entlöhnt werden.

Ich möchte jetzt gar nicht so weit gehen und über die Ware Frau sprechen, wenn Mädchen beschnitten und zugenäht werden, bis sie dem Ehemann zugeführt werden, der für sie ausgesucht wurde. Oder darüber, dass gerade aktuell in den kriegerischen Auseinandersetzungen in Libyen die Vergewaltigung von Frauen als Kriegsinstrument eingesetzt wird.

Bleiben wir in der Schweiz, in Basel. Es ist erst gut 50 Jahre her, dass Frauen, die als Lehrerinnen arbeiteten, nicht heiraten durften und erst noch nicht wählen und abstimmen. Die Beschäftigung mit dem Streik der Lehrerinnen des Basler Mädchengymnasiums am Kohlenberg hat mich sehr berührt. Gut ausgebildete Frauen, den Männern intellektuell und professionell in nichts nachstehend, mussten am 1. Februar 1959 erfahren, dass die Schweizer Männer sie nicht als mündig genug erachteten, um ihre Rechte als Staatsbürgerinnen wahrzunehmen. Die Empörung der Lehrerinnen musste sich Luft machen, und zwar mit etwas ganz Unerhörtem, einem Streik.

Heute stimmen und wählen wir und wir dürfen auch verheiratet sein, wenn wir arbeiten, und wir dürfen auch Kinder haben und arbeiten. Aber die Haltung ist nicht verschwunden, dass Frauen eigentlich Kinder oder andere Familienmitglieder betreuen sollen, und wenn sie schon arbeiten wollen, dann doch am liebsten in solch pflegenden betreuenden Berufen. Dass sie aber schlechter entlöhnt werden als Männerberufe, ist offenbar immer noch hinzunehmen.

«Wir Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus, also definieren wir doch selber, was wir wollen. Weil alles schon so lange dauert, sind Quoten hilfreich, gezielt eingesetzt als Instrument, um den Prozess zur Gleichstellung zu beschleunigen.»

Beim Kanton Basel-Stadt als Arbeitgeber schätzen wir, dass die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen unter 5% liegt. Wir wollen dem aber in einer Untersuchung nachgehen, wie ein parlamentarischer Vorstoss dies auch gefordert hat.

Noch ist es nicht völlig selbstverständlich, dass Frauen Kinder haben und 100% arbeiten und Karriere machen. Weit verbreitet ist Teilzeitarbeit, oft mit kleinen Pensen und kaum in Führungsfunktionen.

Beim Kanton Basel-Stadt sind 58% der Mitarbeitenden Frauen. 59% aller Mitarbeitenden arbeiten Teilzeit, 76% von ihnen sind Frauen. Hier ist zu bemerken, dass der Anteil der Männer immerhin steigt, im Jahr 2010 um 3,5%. Wir bemühen uns sehr, Teilzeitarbeit zu fördern, auch im Kaderbereich.

30% der Kader arbeiteten 2010 Teilzeit, das ist eine Zunahme von 2%. 60% der Frauen im Kader arbeiten Teilzeit, nur 18% der Männer in Kaderpositionen, immerhin eine Zunahme von 2%. Innerhalb des Kaders sind die Frauen v.a. im mittleren Fachkader stärker vertreten, bis 40% sind Frauen, im oberen Kader sind sie deutlich untervertreten.

Was ich selber feststelle, wenn Stellen als 80%- bis 100%-Stellen ausgeschrieben werden, melden sich auch immer mehr Männer, die aus familiären Gründen 80% arbeiten wollen und die dies bei dieser Art von Ausschreibung auch zu sagen wagen, da sie nicht befürchten müssen, man denke, sie wollten bloss eine ruhige Kugel schieben!

Das ist es ja. Wir haben alle Bilder im Kopf. Hat eine Frau mit einem Mann zusammen 2 Kinder und arbeitet 80%, dann findet man, wow, die hat ja einen Stress, geht das überhaupt? Hat ein Mann mit einer Frau zusammen 2 Kinder und arbeitet 80%, fragt man sich, ob er keine Karriere machen will…

Statt heute zu jammern, Buben würden in der Schule benachteiligt, und sich spezielle Förderprogramme auszudenken, sollten Väter Teilzeit arbeiten, zu Hause präsent sein, damit Buben auch männliche Vorbilder haben. Männer sollten nicht nur Gymnasiallehrer sein, sondern auch Kindergartenlehrkräfte und Primarlehrer. Letzteres war noch verbreitet, als ich in die Primarschule ging – waren dies deshalb keine richtigen Männer? Überhaupt nicht, es waren Respektpersonen. Gesellschaftliche Bilder können sich ändern, also führen wir den Wandel herbei, den wir wollen.

Warum soll Kochen und Waschen Frauensache sein? Und bei der Liga der Starköche wundern wir uns dann eher wieder, wenn sich eine Frau länger in den obersten Sphären hält und richtig berühmt ist? Was haben wir nur für widersprüchliche, aber absolut hartnäckige Bilder im Kopf.

Die Grossväter meiner Buben haben diese nicht weniger hingebungsvoll gehütet als die Grossmütter – warum durften sie erst jetzt nachholen, was sie bei ihren Söhnen verpasst haben, warum durften sie erst jetzt sehen, wie bereichernd neben der Geschäftswelt der Umgang mit Kindern ist?

Liebe Frauen, vieles stimmt mich zuversichtlich, anderes lässt mich nach wie vor den Kopf schütteln oder macht mich schlicht wütend.

Eigentlich wüssten wir doch, was zu tun ist! Wir machen die Hälfte der Bevölkerung aus, also definieren wir doch selber, was wir wollen. Weil alles schon so lange dauert, sind Quoten hilfreich, gezielt eingesetzt als Instrument, um den Prozess zur Gleichstellung zu beschleunigen. Warum sollte es unmöglich sein, 30% der Verwaltungsratssitze mit Frauen zu besetzen? Frauen sind immer besser ausgebildet. Warum sollen sie es nicht einrichten können, ein VR-Mandat auszuüben, das sich doch gerade mit einer Teilzeitstelle und Familie gut kombinieren lässt? Wenn Plätze für Frauen reserviert sind, findet man Frauen. Sie drängen sich einfach nach wie vor nicht gerne vor.

Also, wir lassen nicht nach, und ich hoffe, dass wir in 10 Jahren keinen Grund mehr haben zu streiken!

Nun wünsche ich uns allen einen spannenden Tag und danke euch herzlich für die Aufmerksamkeit.

14. Juni 2011