«Eigentlich sollte es keine Notwendigkeit mehr geben, einen internationalen Frauentag zu feiern.»

21. März 2011: Grusswort an der Jubiläumsfeier der IG feministischer Theologinnen der Schweiz, Elisabethenkirche, Basel

Meine sehr geehrten Damen, liebe Gäste

Ich freue mich, Ihnen die Grüsse des Basler Regierungsrates überbringen zu dürfen. Wir freuen uns sehr, dass Sie Ihr 20-Jahr-Jubiläum hier in Basel, in der «Offenen Kirche Elisabethen», feiern. Die Elisabethenkirche ist ein Ort für Stille und Ruhe, aber auch für Feste und Lebensfreude, passt also ausserordentlich gut zu Ihrem Anlass.

Vor 20 Jahren, als die Elisabethenkirche für ihren heutigen Zweck umgebaut wurde, ist auch die IG feministischer Theologinnen gegründet worden. Zu diesem Jubiläum gratuliere ich Ihnen ganz herzlich. Es findet in einem Jahr statt, das reich ist an frauenspezifischen Jubiläen:

Den internationalen Tag der Frau feiern wir schon seit 100 Jahren. Vor 40 Jahren wurde auf Bundesebene – endlich – das Frauenstimmrecht eingeführt; seit 30 Jahren haben wir in der Bundesverfassung einen Gleichstellungsartikel, dessen zögerliche Umsetzung bereits vor 20 Jahren mit einem Frauenstreiktag begangen wurde, was vielleicht auch dazu beitrug, dass wir seit 15 Jahren ein Gleichstellungsgesetz haben.

Sie merken an meiner Art der Aufzählung, dass ich – wie Sie sicher auch – ein sehr ambivalentes Verhältnis habe zu diesen Jubiläen. Eigentlich sollte es keine Notwendigkeit mehr geben, einen internationalen Frauentag zu feiern. Und dass wir Frauen in der Schweiz erst seit 40 Jahren abstimmen und wählen, ist nur peinlich.

Ein anderes Jubiläum, das wir hier in Basel vor zwei Jahren feierten, hat mich in diesem Zusammenhang ganz speziell berührt, und deshalb möchte ich kurz davon erzählen. Es geht um das Jubiläum 50 Jahre Streik der Basler Lehrerinnen des Mädchengymnasiums für das Frauenstimmrecht.

Am 1. Februar 1959 lehnten es die Schweizer Männer ein weiteres Mal ab, den Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht auf eidgenössischer Ebene zuzugestehen.

Daraufhin beschlossen die Lehrerinnen des Basler Mädchengymnasiums, am Dienstag nach der Abstimmung einen Streik abzuhalten. Am Montag bereiteten sie alles minutiös und in absoluter Heimlichkeit vor.

Nur den Rektor informierten die Lehrerinnen, da sie wussten, dass er in dieser Angelegenheit auf ihrer Seite stand. Sie legten ihm einen Brief auf den Tisch mit folgendem Inhalt, unterzeichnet von der Konrektorin:

«Sehr geehrter Herr Rektor, ich teile Ihnen mit, dass die Lehrerinnen des Mädchengymnasiums Dienstag, den 3. Februar 1959, aus Protest gegen die neuerlich dokumentierte Missachtung unseres staatsbürgerlichen Rechtsanspruchs streiken werden. Mit vorzüglicher Hochachtung, i.A. Dr. Lotti Genner.»

«Dr. Lotti Genner», eine Frau, die in Sachen Bildung den Männern in nichts nachstand, die nicht verheiratet sein durfte, wollte sie den Lehrerinnenberuf ausüben – und der die Männer ein weiteres Mal die politische Mitbestimmung vorenthielten wie einem Kind.

Diese Frauendiskriminierung in der Schweiz ist erst gut 50 Jahre her und ich bin der Meinung, dass viele junge Frauen heute etwas blauäugig sind, wenn sie meinen, es gebe nichts mehr, wofür frau kämpfen müsse, und wenn sie auch für Erkämpftes mit hohem symbolischem Wert nur noch ein mildes Lächeln übrig haben, wie zum Beispiel, dass die Frau ihren Namen bei der Heirat heute endlich behalten kann. Und dass sie es sich klaglos gefallen lassen, dass das Gleichstellungsgesetz zuerst dort umgesetzt wird, wo man eine Diskriminierung von Männern feststellt.

Ich gehe also absolut einig mit Ihnen – ich habe etwas auf ihrer Homepage gesurft –, dass man durchaus vorsichtig sein soll mit Kritik an Frauenunterdrückung in anderen Kulturkreisen und nicht vergessen soll, dass auch bei uns längst nicht alles zum Besten steht – wenn z.B. Frauen weiterhin fast 20% weniger verdienen als Männer, dann kann trotz aller Fortschritte nicht von einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter gesprochen werden.

Und wie Sie bin auch ich der Meinung, dass es ein Burkaverbot so wenig braucht, wie es ein Minarettverbot gebraucht hätte. Sie wehren sich in Ihrer Stellungnahme gegen die Verreinnahmung religiöser Elemente durch die Politik, Sie distanzieren sich davon. Nun, damit ist eine Sache allerdings nicht aus der Welt, dachte ich mir, und dass Sie das auch so sehen, haben meine weiteren Recherchen auf Ihrer Website ergeben.

«Genitalverstümmelungen von Mädchen sind Eingriffe in die körperliche Integrität eines Menschen, für den es unter keinem Titel eine Relativierung gibt.»

Darauf habe ich das «Manifest für eine differenzierte Debatte um Religion und Frauenrechte» des «Interreligiösen Think-Tanks» gefunden. Sie behandeln darin Fragen, die mich schon lange beschäftigen: Ausgehend von der zentralen Feststellung, dass Religion nicht mit ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Ausformung gleichzusetzen ist, widmen Sie sich der schwierigen Frage, bis zu welchem Punkt kulturelle und religiöse Unterschiede akzeptiert werden müssen und sollen und wo kulturelle Praktiken an den Pranger gestellt werden müssen, nicht aus unserer eigenen westlichen, feministischen, christlichen oder nicht christlichen Sicht, sondern aus der Perspektive einer Verletzung der Menschenrechte. Dabei denke ich z.B. an die Genitalverstümmelungen von Mädchen: Das ist ein Eingriff in die körperliche Integrität eines Menschen, für den es unter keinem Titel eine Relativierung gibt, was auch Ihrer Haltung entspricht.

Ich danke Ihnen sehr für Ihr Engagement und danke Ihnen auch sehr für Ihre Einladung. Sie haben mich damit sehr inspiriert, wieder einmal über etwas anderes nachzudenken als über Zahlen …! Ich habe das Begrüssungswort grad in der Zeit geschrieben, als wir im Departement die Staatsrechnung abgeschlossen und zusammengestellt haben, die ich diese Woche noch präsentieren werde. So war es eine angenehme Abwechslung!

Ich wünsche Ihnen weiterhin ein erfolgreiches Wirken und bedanke mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und möchte nun mit Ihnen auf Ihr Jubiläum anstossen!

21. März 2011