«Religionen gibt es, weil wir damit umgehen müssen, dass der Ursprung unserer Welt und unserer Existenz ein Geheimnis ist. Die Welt wäre friedlicher, wenn wir dieses Geheimnis einfach stehen lassen könnten.»
12. April 2018: Grusswort an der Vernissage der Ausstellung «Das Geheimnis – Wer was wissen darf», Museum der Kulturen Basel
Sehr geehrte Frau Direktorin, liebe Anna
Sehr geehrte Frau Kuratorin, liebe Tabea Buri
Sehr geehrte Damen und Herren
«Das Geheimnis – Wer was wissen darf» – ein grossartiges Thema, das bei mir gleich ins Schwarze traf. Bei mir als Finanzministerin: Bankgeheimnis, Steuergeheimnis, Amtsgeheimnis und die zugehörigen Forderungen nach Transparenz und Öffentlichkeit. Bei mir als Historikerin, die das Handwerk der Quellenkritik gelernt hat, bei mir als Politikerin, die mit ihren Handlungen in der Öffentlichkeit steht, und schliesslich bei mir als Privatperson, deren persönliche Daten Spuren hinterlassen, ob ich das will oder nicht.
Worüber würde ich reden, angesichts der Fülle an möglichen Themen? Ich würde ein Plädoyer für das Geheimnis halten, das war mir sofort klar. Was für eine Gelegenheit, mir von der Seele zu reden, wie sehr mir dieses unreflektierte Gebrüll nach totaler Transparenz und Öffentlichkeit, dieses blödsinnige Entblättern der intimsten Gedanken und Handlungen in den Social Media, dieser mir unverständliche Irrglauben des Alles-wissen-Könnens und Sich-alles-Wissen-beschaffen-Könnens und dann erst noch Selber-verstehen-Könnens auf den Geist geht… Ein Plädoyer für das Geheimnisvolle in Beziehungen zwischen Menschen, für das Überraschtwerden, ein Plädoyer für das Vertrauen ohne Kontrollwahn, ja, das sollte es werden!
«Was für eine Gelegenheit,mir von der Seele zu reden, wie sehr mir dieses unreflektierte Gebrüll nach totaler Transparenz und Öffentlichkeit, dieses blödsinnige Entblättern der intimsten Gedanken und Handlungen in den Social Media auf den Geist geht!»
Nun, so einfach ist es natürlich nicht. Transparenz ist eine wichtige Massnahme gegen Filz und Korruption und willkürliche Macht. Demokratie braucht Transparenz und in diesem Sinne ist es nur folgerichtig, dass auch offengelegt werden soll, wie sich Parteien finanzieren. Wissen ist Macht und Geld ist auch Macht …
Gut finde ich auch, dass sich das Ausland die Zähne am schweizerischen Bankgeheimnis bekanntlich doch nicht ausgebissen hat. Die unbefriedigende Situation, dass ausländische Steuerbehörden künftig mehr wissen über schweizerische Steuerpflichtige als inländische Steuerbehörden, wird sich auch irgendwann noch ändern… Womit wir beim Steuergeheimnis und der legendären Steuerehrlichkeit der Schweizerinnen und Schweizer wären: Auch sie hat gewisse Kratzer abbekommen, seit aufgrund der sogenannten kleinen Steueramnestie Milliarden an Vermögen deklariert werden, die man vorher «vergessen» hatte anzugeben… Ein bisschen weniger Geheimnis scheint hier angebracht gewesen zu sein!
Transparenz und Substanz sind auch die neuen Grundprinzipien der internationalen Besteuerung, welche die OECD, bei der auch die Schweiz Mitglied ist, beschlossen hat und die für eine weltweit gerechtere Besteuerung sorgen sollen. Auch dies ist absolut richtig.
Aber warum soll heute alles offengelegt werden, soll jeder Bericht, jedes Dokument, das die Verwaltung erstellt, einsehbar sein? Nicht ohne Grund galt und gilt für viele Akten ein Schutz von 30 Jahren, bevor sie eingesehen werden können. Sollen Protokolle von Regierungssitzungen (ich nehme Ihnen gleich die Freude, bei uns gibt es keine …) auf Anfrage herausgegeben werden müssen? Sollen Regierungssitzungen öffentlich sein? Werden die Resultate dann besser? Wie findet man als Kollegium aus fünf Parteien einen Kompromiss ohne Gesichtsverlust für das einzelne Mitglied, wenn alles offengelegt werden muss?
«Demokratie braucht Transparenz und in diesem Sinne ist es nur folgerichtig, dass auch offengelegt werden soll, wie sich Parteien finanzieren.»
Keinerlei Verständnis habe ich für das Mitteilungsbedürfnis intimster Details aus ihrem Privatleben, das viele Leute über Social Media betreiben. Die meisten bleiben mit ein paar Geheimnissen sympathischer… Ganz abgesehen davon, dass sie sich dann nicht wundern sollten, wenn ihre Daten für alle möglichen Zwecke verwendet werden – die Empörung über diesbezügliche Skandale ist einfach nur naiv.
Ich hoffe, ich verletze mit einem Schwenker zum Thema Religion keine Gefühle von hier Anwesenden: Religionen gibt es, weil wir irgendwie damit umgehen müssen, dass der Ursprung unserer Welt und unserer Existenz ein Geheimnis ist und wir nicht wissen, wo wir nach unserem Tod hinkommen. Da die Antworten aber unterschiedlich sind, vermitteln sie uns letztlich nur auf den ersten Blick Gewissheiten und befeuern – falls absolut gesetzt und ohne Toleranz für Andersgläubige – vor allem auch Konflikte unter uns Menschen. Die Welt wäre friedlicher, wenn wir dieses Geheimnis einfach stehen lassen könnten. Nicht einfach, ich weiss.
Müssen wir überhaupt alles wissen? Internet und soziale Medien vermitteln die Illusion, dass wir alles wissen können. Dabei haben wir gar nicht die Kapazitäten, alles über alles zu wissen. Wir brauchen Filter zum Umgang mit Information, wie das schon immer der Fall war, sonst gäbe es keinen Journalismus, keine Medien, auch keine Politikerinnen und Politiker! Und wir brauchen dies mehr denn je in der heutigen Zeit, in der so viel Information verfügbar ist wie noch nie, was gleichzeitig den Wert von Information herabgesetzt hat und den Wert von Informationsvermittlung gleich mit sich gerissen hat, wie die Diskussion um «No Billag» gezeigt hat und der geplante Kahlschlag bei der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) schmerzhaft deutlich macht.
«Das Misstrauen gegenüberden herkömmlichen Informationskanälen wandelt sich zu einem unhinterfragten naiven Glauben an Fakten oder Fake News aus dem Netz.»
Und was ist das Perverseste an dieser Entwicklung? Man beschafft sich also vermeintlich ungefilterte Informationen im Internet, über Google und andere Dienste – und serviert wird einem in Tat und Wahrheit über Algorithmen das, was man hören will, die eigene Blase anstelle von kritischer Information! Das Misstrauen gegenüber den herkömmlichen Informationskanälen wandelt sich zu einem unhinterfragten naiven Glauben an Fakten oder Fake News aus dem Netz. Warum zum Himmel ist es glaubwürdiger, was irgendwer twittert als was seriöse Journalistinnen und Journalisten unter Angabe ihrer Quellen schreiben? Aber ich schweife ab.
Warum ein Plädoyer für das Geheimnis? Geheimnisse zuzulassen, stehen zu lassen, heisst, Vertrauen zu haben und nicht aus grundsätzlichem Misstrauen das Bedürfnis zu haben, alles kontrollieren zu müssen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sagt man. Ja, aber nicht überborden.
Entsprechend gut überlegen muss sich unsere Gesellschaft, ob die eben geschaffene gesetzliche Grundlage für die Überwachung im Privatbereich durch die Sozialversicherungen wirklich sein soll. Das ist jetzt kein Plädoyer für das Geheimnis in Form von Missbrauch, aber eine Warnung davor, einen Weg einzuschlagen in die Richtung, dass jeder grundsätzlich verdächtig ist.
Das Zulassen von Geheimnissen, ein gewisses Mass an Vertrauen in die Redlichkeit und den guten Willen des Gegenübers, macht das Leben in meinen Augen lebenswert. Also: so viel Transparenz und Kontrolle wie nötig, so viel Vertrauen und Geheimnis wie möglich!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, und einen spannenden Ausstellungsbesuch voller Überraschungen wünsche ich!
12. April 2018