«Rational ist, sich weiterhin für Gleichberechtigung und tatsächliche Gleichstellung einzusetzen, für gleiche Löhne für gleiche Arbeit und Teilzeitstellen für Männer und Frauen.»

11. September 2014: Eröffnungsrede an der Fachtagung SGFF (Schweizerische Gesellschaft für Geschlechterforschung), Aula der Universität Basel

Sehr geehrte Frau Prof. Maihofer, liebe Andrea
Sehr geehrte Frau Prof. Dennerlein
Sehr geehrter Herr Vizerektor Hoenen
Liebe Kolleginnen
Meine sehr geehrten Damen und Herren

Im Namen des Regierungsrates des Kantons Basel-Stadt heisse ich Sie herzlich willkommen hier in Basel zur Fachtagung der Schweizerischen Gesellschaft für Geschlechterforschung (SGGF). Ich freue mich sehr, Sie in unserer schönen Stadt zu empfangen.

Letzten Samstag hat wieder eine ehemalige Mitarbeiterin meines Generalsekretariats geheiratet, Juristin in schönstem weissem Kleid. Wie nun schon einige vor ihr ist sie nicht schwanger und sie hat auch den Namen ihres Mannes angenommen.

«Was frühere Frauengenerationen erkämpft haben, dass frau nicht unbedingt heiraten muss, dass frau ihren Namen behalten kann, was ist mit diesen Errungenschaften geschehen?»

 

Ich habe nicht zu werten; wenn ich junge Frauen aber sinngemäss sagen höre, dass sie weibliche Selbstbestimmung heute so verstehen, dass sie sich dafür entscheiden können, in Weiss zu heiraten, mit Hochzeitsfoto auf grüner Wiese, Kirche, Namensübernahme etc. – werde ich schon etwas nachdenklich. Vor allem, weil mir das das Bewusstsein zu fehlen scheint, dass es die Frauenbewegung ist, der sie diese Entscheidungsfreiheit verdanken.

Warum erzähle ich das? Mich interessiert beim Thema Familie nach wie vor am stärksten der Handlungsspielraum der Frauen, die Rollenzuweisungen für Frauen über den Begriff und die Vorstellungen von Familie. Es ist ja auch bei uns erst einige Jahrzehnte her, dass Frauen den Männern in rechtlicher Hinsicht wirklich gleichgestellt sind und sie die Ehe nicht als Absicherung wählen müssen, wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Heute müssten sie das also nicht mehr und heiraten dennoch wieder …

Aber vielleicht ist mein Generalsekretariat auch nicht repräsentativ. Generell wird immer später und seltener geheiratet, dafür steigt die Zahl nichtehelicher Lebensgemeinschaften. Gleichgeschlechtliche Personen bekennen sich zunehmend zu ihrer sexuellen Orientierung und fordern rechtliche Anerkennung ein.

Die Scheidungsrate liegt in der Schweiz seit 2005 bei hohen 50%. Das Armutsrisiko für Frauen ist durch eine Scheidung doppelt so hoch wie für Männer. Die Geburtenrate ist mit 1,52 Kindern pro Frau schon seit langer Zeit tief, die Gesellschaft altert, die Betreuung nicht nur der Kinder, sondern der älteren Generation gewinnt an Bedeutung.

Diese soziodemografischen Entwicklungen führen zu einer Pluralität an Lebensformen, denen einerseits immer mehr Toleranz entgegengebracht wird. Aber eben nicht nur. Womit wir beim Thema dieser Tagung wären: umstrittene Konzepte, Politiken und Praxen.

Diesbezüglich haben wir in der Schweiz derzeit ja besten Diskussionsstoff durch das Gutachten von Prof. Dr. Ingeborg Schwenzer zur Reform des Familienrechts. Ich gebe zu, so radikale Formulierungen hätte ich nicht erwartet, nicht in der Schweiz!! Auch wenn die Ausführungen genauer betrachtet sehr sachlich und stringent sind, von der Überzeugung geleitet, dass familienrechtliche Bestimmungen geeignet sein müssen, um die Pluralität der familialen Beziehungen abzubilden. Denn: Wer zusammenlebt, muss auch Verantwortung füreinander übernehmen. Das führt zu Stabilität in der Gesellschaft und zur Gleichstellung der Geschlechter, welche seit 1981 in unserer Bundesverfassung verankert ist.

Ui, ui, das sah Toni Bortoluzzi, SVP-Nationalrat aus Zürich, aber anders, als das Gutachten veröffentlicht wurde. Er verdient es nicht, hier ausführlich zitiert zu werden mit seinen diffamierenden Äusserungen insbesondere über Homosexuelle, und ihm würde wohl auch der Round Table vom Samstagnachmittag unter dem wohlklingenden Titel «Soll alles bleiben, wie es nie war?» nicht weiterhelfen.

«Ich frage mich je länger, je mehr, warum der realitätsfremde Konservatismus der SVP noch so viel Erfolg hat, im Bereich der Familie oder auch beim Bild der Schweiz.»

 

Weil er Wünsche nach Geborgenheit und Halt in einer Welt bedient, deren Werte und Leitplanken unklar geworden sind? Heiraten meine Juristinnen deshalb? Sie kaufen teilweise sogar ein Haus, bevor tatsächlich Kinder da sind … und das bei einer Scheidungsrate von 50%?!?

Das ist doch einfach nicht rational. Rational ist, sich weiterhin für Gleichberechtigung und tatsächliche Gleichstellung einzusetzen, gerade mit den rechtlichen Instrumentarien, die uns das Gutachten von Prof. Schwenzer liefert, für gleiche Löhne für gleiche Arbeit und Teilzeitstellen für Männer und Frauen, für Aufteilung der Care-Arbeit (ein schrecklicher Begriff) auf beide Geschlechter. In meinem Generalsekretariat arbeiten übrigens nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer Teilzeit …

Halt geben kann doch auch die Einbettung in grössere historische und geografische Zusammenhänge, das Bewusstsein, dass wir es sind, welche die gesellschaftlichen Bedingungen gestalten, wir Menschen – und wir Frauen, machen wir doch mehr als die Hälfte dieser Gesellschaft aus.

Der Bundesrat verwendet aktuell die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative als Argument, um sich für noch mehr Krippenplätze einzusetzen und für die bessere Vereinbarung von Familie und Beruf. Ganz abgesehen davon, dass dies nie reichen wird, um die Personenfreizügigkeit zu ersetzen, und dass man dies begrüssen muss.

Wir kennen das Phänomen: Frauen als Manövriermasse, wenn die Wirtschaft die Frauen braucht. Dann wurden die Bedingungen immer geschaffen – und nachher durften die Frauen wieder nach Hause gehen, dann pries man wieder ihre wahre Bestimmung als Hausfrau und Mutter.

Solches und viel mehr habe ich durch Geschlechterforschung gelernt, sie hat mir die Analyseinstrumente gegeben, hat mir Einsichten vermittelt ins gesellschaftliche Funktionieren der Geschlechter miteinander und schliesslich in die Gesellschaft als Ganzes.

Geschlechterforschung ist keine untergeordnete Perspektive, sie muss als eigenständiger Lehrgang, als eigenständige Studienrichtung betrieben werden, sie muss sichtbar bleiben und sich von verschiedenen Disziplinen nähren, der Geschichte, der Soziologie, der Politologie, der Psychologie, der Volkskunde, auch der Jurisprudenz …

In diesem Sinne gratuliere ich den Veranstalterinnen jetzt schon ganz herzlich zu dieser Tagung, das Programm klingt ausserordentlich spannend. Leider kann ich heute Nachmittag nicht von Ihren Überlegungen profitieren, ich werde mich in die Niederungen des Aktenstudiums zurückziehen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen eine interessante und anregende Veranstaltung.

11. September 2014