13. November 2014: Grusswort bei der Eröffnung der Ausstellung «Traurige Weihnachten» im Museum der Kulturen Basel
Sehr geehrte Frau Schmid, liebe Anna
Sehr geehrter Herr Wunderlin (Kurator der Ausstellung)
Meine sehr geehrten Damen und Herren
Im Namen des Regierungsrates begrüsse ich Sie ganz herzlich zur Eröffnung der Ausstellung «Traurige Weihnachten». Laut Einladungskarte sollte dies mein Kollege Christoph Brutschin tun – und ich hoffe, Sie sind nun nicht allzu enttäuscht. Er muss sich bei Ihnen entschuldigen lassen, wurde er doch versehentlich als Redner bei zwei Anlässen gebucht, und das ist auch für ein Regierungsmitglied einfach schwierig …
Ich habe dann sofort diesen Anlass gewählt, um ihm aus der Bredouille zu helfen, ich weiss eigentlich gar nicht, wie er mir diese Vernissage wegschnappen konnte: Schliesslich bin ICH ein Weihnachtskind! Allerdings waren dies für meine Eltern damals, 1961, keine traurigen Weihnachten, zwar durchaus anstrengende und aufregende, aber glückliche Weihnachten!
Auch am 25. Dezember 1914 wurden Kinder geboren, aber in eine viel schwierigere Zeit hinein. Die Ausstellung, die wir heute zusammen eröffnen dürfen, fokussiert auf das Leben der Zivilbevölkerung im Krieg, schwergewichtig im Ersten Weltkrieg, und darauf, wie die Bevölkerung den Krieg in dieser zerrissenen Region erlebte, und dies am für viele emotionalsten Moment im Jahresverlauf, an Weihnachten.
Glücklicherweise wurde die Schweiz vom Kriegsleid verschont, das «La Grande Guerre» über die kriegsbetroffenen Länder brachte. Doch stellte der Erste Weltkrieg auch für unser Land und insbesondere für unsere Stadt eine Zäsur dar.
Vor Kriegsausbruch war Basel eine moderne, gesellschaftlich und kulturell offene Stadt. Dies zeigte sich etwa am hohen Anteil an ausländischen Einwohnerinnen und Einwohnern. Ein Drittel resp. 50ʼ000 Menschen kamen von auswärts; und dies nicht nur, aber auch weil die Grenzen frei passierbar waren. In Basel arbeiteten rund 40ʼ000 Menschen aus Süddeutschland und dem damals deutschen Elsass. Zudem war das deutsche Umland so etwas wie der Gemüsegarten des Stadtkantons und damit von zentraler Bedeutung für dessen Versorgung.
Mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns am 28. Juli 1914 änderte sich diese Situation schlagartig, der Stadtkanton verlor sein landwirtschaftliches Hinterland.
Damit wirkte sich die Versorgungskrise hier langfristig stärker aus als anderswo in der Schweiz: Über die Jahre erfuhren Lebensmittel und Heizmaterial überdurchschnittliche Preiserhöhungen, Löhne wurden nicht angepasst oder fehlten wegen des Aktivdienstes ganz. Der Regierungsrat versuchte, die extremste Not zu lindern: Lebensmittel und Kohlepreise wurden rationiert und reguliert, es wurden Volksküchen eingerichtet und Pflanzland bereitgestellt. Trotzdem nahmen Not und Verarmung der unteren Schichten weiter zu. Die sozialen Spannungen entluden sich in Streiks und Hungerdemonstrationen; auf dem Marktplatz versammelten sich 1917 bis zu 15ʼ000 Leute.
Demgegenüber musste die Basler Oberschicht während des Kriegs nie wirklich Not leiden, im Gegenteil: Viele Unternehmer konnten in der neutralen Schweiz gute Geschäfte tätigen, und für die chemische Industrie brachte der Erste Weltkrieg den eigentlichen Durchbruch, da die bis dahin übermächtige deutsche Konkurrenz wegfiel. Für Basel hat der Erste Weltkrieg also zwei Gesichter.
Eine weitere Veränderung betraf die Schliessung der Grenzen und Grenzbahnhöfe. Bei Kriegsausbruch wurden Barrikaden errichtet, die Grenzen von der Armee besetzt und die Anzahl der Grenzübergänge reduziert, und das vorher grenzüberschreitende Tram fuhr nur noch bis Riehen.
Für Grenzgänger war diese Situation bedrohlich: Ein aufwendiges Prozedere mit Passierscheinen und Einreisegesuchen sowie Ein- und Ausfuhrbeschränkungen von Waren wurden eingeführt.
Auch wenn diese scharfen Bestimmungen kurz darauf wieder gelockert wurden: 1914 wurde die Bevölkerung von Baden, dem Elsass und der Nordwestschweiz intensiver voneinander getrennt als in allen Jahrhunderten zuvor. Hinzu kommt, dass der überwiegende Teil der ausländischen Bevölkerung Basels ausreisen musste, unzählige Familien wurden dadurch zerrissen. Als direkte Folge der Grenzsicherung und der Mobilmachung wurde 1915 der Schweizer Pass eingeführt. Der Erste Weltkrieg bedeutete für eine sehr lange Zeit das Ende des freien Personenverkehrs in Europa. Für die Schweiz änderte sich die Situation erst wieder 2004 mit dem Beitritt zum Schengen-Abkommen der EU.
«Der Erste Weltkrieg beendete das Ende des freien Personenverkehrs in Europa. Für die Schweiz änderte sich das erst 2004 mit dem Beitritt zum Schengen-Abkommen. (..) Die Personenfreizügigkeit in Europa ist somit kein Phänomen der jüngsten Vergangenheit.»
Es ist wichtig, sich diese historischen Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen ob der aktuellen Diskussionen über Personenfreizügigkeit in Europa, bei der gerne der Eindruck erweckt wird, als ob dies ein ganz neues Phänomen der jüngsten Vergangenheit sei und der Normalzustand seit Jahrhunderten schwierig passierbare nationale Grenzen, mit einer strikten Steuerung der Wanderungsströme.
Die europäischen Nationen und Monarchien Europas waren vor dem Ersten Weltkrieg wirtschaftlich und kulturell eng miteinander verflochten. Lange konnte sich niemand vorstellen, dass es tatsächlich zu einem Krieg kommen könnte – und als die unseligen militärischen Bündnisse doch dazu führten, war man überzeugt, dass der Krieg nach ein paar Monaten vorbei sein würde. Aber so war es nicht, und Europa musste mit dem Zweiten Weltkrieg eine weitere Katastrophe erleben.
Erst die Europäische Gemeinschaft und heutige EU brachte den erhofften Frieden in Europa. Dazu gehört die Durchlässigkeit der Grenzen, gehören grenzüberschreitende Wirtschaftsräume, wofür unsere Region beispielhaft ist und woraus sie ihr jahrzehntelanges Wohlergehen zieht. Wir sind alle aufgerufen, uns gegen diejenigen einzusetzen, die diese Errungenschaften wider jede Vernunft und jedes bessere Wissen aufs Spiel setzen. Wir waren hier in Basel schon gegen die Masseneinwanderungsinitiative, und ich vertraue darauf, dass wir auch Ecopop bodigen – diesmal mit der Mehrheit der Schweiz.
In sechs Wochen ist Weihnachten, bald schon ist der erste Advent.
Ich liebe Weihnachten, liebe die Rituale, die dazugehören. Fest- und Feiertage geben dem Jahresablauf einen Rhythmus, bringen schöne Momente, verbindende Momente, Gelegenheiten innezuhalten.
Nicht für alle Menschen ist dies so, allein der Erwartungsdruck, dass dies ein Fest der Freude sein sollte, belastet viele Menschen. Schlimm vor allem, wenn man unfreiwillig getrennt ist von geliebten Menschen wie in Kriegszeiten, dem Thema unserer Ausstellung.
Ich danke den Ausstellungsmacherinnen und -machern für die Momente des Nachdenkens, die sie uns gewähren, danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und freue mich, die Ausstellung nun mit Ihnen besuchen zu dürfen.
13. November 2014