22. August 2014: Grusswort an der Vernissage der Ausstellung «14/18 – Die Schweiz und der Grosse Krieg», Historisches Museum Basel
Sehr geehrte Frau Jungblut
Sehr geehrtes Team des Projekts «Die Schweiz im Ersten Weltkrieg»
Meine sehr geehrten Damen und Herren
Als Historikerin habe ich gelernt, dass man Ereignisse aus der Vergangenheit nicht eins zu eins auf die Gegenwart projizieren soll. Vorschläge für die Lösung aktueller Probleme oder Zukunftsprognosen daraus abzuleiten, das geht gar nicht. Aber Lehren aus der Vergangenheit dürfen und müssen wir ziehen, und dies scheint mir bei diesem Jubiläum, 100 Jahre seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs, ganz besonders der Fall.
Wenn es zutrifft, dass sich die Bevölkerung der Länder, die in diesem Krieg Millionen von jungen Männern verloren, überhaupt nicht vorstellen konnte, dass es wirklich Krieg geben würde – geschweige denn einen Krieg in diesem noch nie gekannten Ausmass, weil die Länder noch nie so stark miteinander verbunden waren, auf wirtschaftlichem, kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet –, dann muss uns das zu denken geben.
Auch wir können uns heute Krieg in Europa nicht vorstellen, obwohl in den 90er Jahren auf dem Balkan Krieg herrschte und in der Ukraine jetzt. Warum sind wir so sicher, dass es ausgeschlossen ist, dass Entscheide gefällt werden wie 1914, die wie Dominosteine schliesslich in diese «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» führten? Wir dürfen den Frieden in Europa nicht als selbstverständlich und garantiert erachten, genauso wenig dürfen wir die friedensstiftende Wirkung der EU gering schätzen, wie es gewisse Kreise tun.
«Die Auseinandersetzungnachkommender Generationen mit solchen organisierten Massakern und vor allem auch den Gründen, wie es dazu kommen konnte, sind essenziell, wenn uns daran liegt, ähnliche Fehler nicht zu wiederholen.»
Im Sommer 2012 stand ich mit meiner Familie in Sarajevo an der Hausecke, wo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau ermordet wurden. Und wir begannen zu lesen über diese so komplizierten Ereignisse und Entscheidungen, die zum Ersten Weltkrieg geführt haben – deren Zwangsläufigkeit von der aktuellen Forschung derzeit in Frage gestellt wird, eine wichtige und spannende Auseinandersetzung.
In diesem Sommer waren wir in Belgien und haben einige Gedenkstätten des Ersten Weltkriegs aufgesucht, insbesondere das flämische Ypern, wo allein eine halbe Million Soldaten gefallen sind. Die Auseinandersetzung nachkommender Generationen mit solchen organisierten Massakern und vor allem auch den Gründen, wie es dazu kommen konnte, sind essenziell, wenn uns daran liegt, ähnliche Fehler nicht zu wiederholen.
Die Schweiz wurde vom Kriegsleid, das «La Grande Guerre» über die kriegsbetroffenen Länder gebracht hat, verschont – und für dieses Verschontbleiben müssen wir dankbar sein. Der Sinn eines solchen Jubiläums liegt in den Lehren, die wir aus diesem Krieg ziehen, das gilt für uns ebensowie für die vom Krieg direkt betroffenen Nationen.
Klar ist: Der Erste Weltkrieg stellte auch für die Schweiz und für die Region Basel eine Zäsur dar.
Basel war als Grenzstadt nahe am Krieg. Als bedeutende Industriestadt mit einem vor dem Krieg hohen Anteil an ausländischen Arbeitskräften war Basel von den Auswirkungen des Kriegs viel stärker betroffen als andere Städte und Regionen der Schweiz. Ein Drittel der Basler Bevölkerung, an die 50ʼ000 Menschen, stammte aus dem Ausland, die meisten mussten bei Kriegsbeginn in ihre Heimatländer zurückkehren.
«Für Basel hatte der Erste Weltkrieg mehrere Gesichter: Not für viele einfache Leute, Reichtumsmehrung für die Oberschicht während des Kriegs und wirtschaftliche Standortvorteile infolge des Kriegs.»
Im Stadtkanton ohne landwirtschaftliches Hinterland wirkte sich auch die Versorgungskrise stärker aus, Lebensmittel und Heizmaterial erfuhren grosse Preiserhöhungen, während die Löhne nicht angepasst wurden oder wegen des Aktivdienstes gar ausfielen. Der Kanton Basel-Stadt versuchte rasch, die extremste Not zu lindern. Trotzdem nahm die Not in den unteren Schichten der Basler Bevölkerung stetig zu. Die sozialen und politischen Spannungen stiegen und entluden sich in Demonstrationen und Streiks.
In geradezu zynischer Ambivalenz dazu hatte der Erste Weltkrieg für Basel aber auch positive Auswirkungen. Kriegsgewinne in einigen Industriezweigen ermöglichten weiten Teilen der Oberschicht weiterhin ein angenehmes Leben, symbolisiert etwa durch das 1916 eröffnete Kaffeehaus Singer am Marktplatz, ein moderner Bau mit grossstädtisch-mondänem Interieur, wo man sich zu Kaffee, Kuchen und Konzerten traf.
Doch mehr als das: Basel profitierte als Wirtschaftsstandort nachhaltig von den einschneidenden Umwälzungen des Ersten Weltkriegs. Dazu drei Beispiele, die in der Ausstellung vertieft werden:
Der neutralen Schweiz brachte der Erste Weltkrieg insgesamt wirtschaftliche Vorteile. In Basel verhalf er vor allem der chemischen Industrie zum eigentlichen Durchbruch: Vor 1914 wurden 85% der Farbstoffe für den globalen Markt in Deutschland hergestellt, in Basel nur gerade 10%. Als durch den Krieg die übermächtige deutsche Konkurrenz wegfiel, eröffneten sich den Schweizer Farbstoffproduzenten grosse neue Märkte und die Basler Chemieunternehmen konnten umfangreiche Lieferverträge abschliessen, die Gewinne wurden vervielfacht.
Auch die erfolgreiche Geschichte unserer heutigen Messe Schweiz geht auf den Ersten Weltkrieg zurück. Um die Bevölkerung auf Schweizer Produkte aufmerksam zu machen und damit die eigene Wirtschaft in dieser schwierigen Zeitzu fördern, wurde im Kriegsjahr 1917 in Basel die erste «Schweizer Mustermesse» durchgeführt. Mit geschätzten 300ʼ000 Besuchern auf den damals ca. 8000 m2 Ausstellungsfläche war der Andrang überwältigend.
Und als drittes Beispiel der Hafenstandort Basel und die Schweizer Rheinschifffahrt. Sie erlebten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einen grossen Aufschwung. Im Versailler Friedensvertrag von 1919 wurde die Schweiz offiziell als Rheinanliegerstaat anerkannt und durfte nun zwei Delegierte in die Rheinzentralkommission entsenden. 1922 wurde der Schweiz die uneingeschränkte Schifffahrt von Basel bis ins offene Meer zugesichert.
Für Basel hat der Erste Weltkrieg damit mehrere Gesichter: Not für viele einfache Leute, Reichtumsmehrung für die Oberschicht während des Kriegs und wirtschaftliche Standortvorteile infolge des Kriegs. Diese Tatsachen führten schon damals zu intensiven Diskussionen über die Neutralität der Schweiz, eine Diskussion, die im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine neue Aktualität erlangt hat.
Neben dieser spezifisch schweizerischen Diskussion müssen wir wie alle anderen reflektieren, wie es zur Katastrophe des Ersten Weltkriegs kommen konnte, wie an sich nicht verfeindete Nationen durch eine unglückliche Bündnispolitik und unter viel zu starkem Einfluss alter Generäle in einen Krieg stolperten, den in diesem Ausmass keiner wollte.
Das ermöglicht uns die aktuelle Ausstellung des Historischen Museums und dafür danke ich den Ausstellungsmacherinnen und -machern sehr herzlich.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
22. August 2014