«Es kann nicht sein, dass zum Beispiel Pflegeberufe schlechter entlöhnt werden als Polizeiberufe.»

16. April 2016: Begrüssung zum 42. und letzten Tag der Frau an der Muba (Mustermesse Basel), Congress Center Basel

Geschätzte Anwesende

Im Namen der Regierung des Kantons Basel-Stadt heisse ich Sie herzlich willkommen zum 42. und gleichzeitig letzten «Tag der Frau».

Im Jahre 1975, am ersten Tag der Frau, war ich knapp 14 Jahre alt, meine Mutter war 51. Vielleicht war sie schon am ersten Tag dabei, jedenfalls ging sie regelmässig, ich kenne diesen Tag aus jener Zeit.

Meine Mutter durfte noch gar keinen Beruf lernen, «sie heiratet ja doch», war die Devise ihrer Eltern, und sie hat das immer bedauert. Sie hätte immer gerne einen Laden gehabt, und sie beneidete ihre Freundinnen, die irgendwo als Sekretärin arbeiteten. Typische Frauenberufe.

Heute kämpfen wir dafür, dass Frauen auch Männerberufe ausüben, wenn sie sich dafür interessieren, dass sie Clichés durchbrechen, und wir kämpfen für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Zu Recht. Es kann nicht sein, dass z.B. Pflegeberufe schlechter entlöhnt werden als Polizeiberufe.

Der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, dass es immer wieder vorkam, dass Frauen sog. Männerberufe wahrnahmen, insbesondere in Kriegszeiten war es völlig normal. Oder dass beide arbeiteten, wenn absoluter Arbeitskräftemangel herrschte. Aber es ist ebenso eine Tatsache, dass «die Frau am Herd» als die wahre Bestimmung der Frau beschworen wird, wenn die Arbeit knapp wird und die Männer die Jobs wieder wollen. Heute heisst es ja grad wieder, dass Frauen arbeiten sollen, damit es weniger Zuwanderung gibt – Sie sehen, es sind immer dieselben Muster.

Die Geschichte zeigt auch, dass es sich durchaus verändert, was als Männer- und was als Frauenberuf aufgefasst wird. Leider zeigen historische Untersuchungen auch, dass die Löhne den Wandel ebenfalls mitmachen, und nicht zugunsten der Frauen … So genoss vor Jahrzehnten der Lehrer zusammen mit dem Pfarrer und dem Bürgermeister oder dem Gemeindepräsidenten höchstes Ansehen.

Die Primarlehrerin von heute schlägt sich zu einem im Verhältnis bedeutend tieferen Lohn mit renitenten Schülerinnen und Schülern und besserwisserischen oder gleichgültigen Eltern herum. Der Primarlehrer natürlich auch – aber die Frauen sind in diesem Beruf deutlich in der Überzahl.

Prof. Dr. Regina Wecker, Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte der ersten Stunde, mit der ich vor Kurzem einmal mehr über diesen frustrierenden Tatbestand diskutierte, meinte dazu: Es ist nicht der Einzug der Frauen, der das Ansehen eines Berufes abnehmen und den Lohn sinken lässt. Es ist vielmehr so: Wenn das Ansehen schwindet – dann erst lassen die Männer die Frauen ran. Um die prestigeträchtigen Posten werde weiterhin gekämpft.

Hm, auch nicht wirklich ein Aufsteller, diese Interpretation! Die Männer geben also einfach weiterhin den Ton an. Sie entscheiden über unseren Handlungsspielraum? Wie sehen Sie das? Wie ist das in Ihrem Bereich?

Schaue ich mir die Verteilung der Geschlechter in meinem Bereich an, in der Finanzpolitik und im Finanzbereich der Privatwirtschaft, dann ist dies weiterhin eine klare Männerdomäne.

«Nur in vier Kantonen stehen aktuell Frauen den Finanzen vor, und wir waren nie mehr als sechs. Warum eigentlich?»

Nur in vier Kantonen stehen aktuell Frauen den Finanzen vor, und wir waren nie mehr als sechs. Warum eigentlich? Frauen agieren doch sehr umsichtig, sind risikoavers, versuchen die Bedürfnisse aller Anspruchsgruppen ernst zu nehmen und nach Möglichkeit zu befriedigen, niemanden zu übervorteilen und tragen im Privaten meist die Verantwortung für die Haushaltskasse – oder sind das jetzt auch gleich wieder Stereotypen?

Ich überlasse es Ihnen. Wovon ich hingegen felsenfest überzeugt bin, ist, dass Frauen sich in Finanzen, sei es in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Bereich, bewähren können, es muss sie einfach interessieren. Sich von seinen Interessen leiten zu lassen, sich von fixen Vorstellungen nicht davon abbringen zu lassen, das erscheint mir entscheidend. Am besten sind Mann und Frau dort, wo es sie oder ihn begeistert.

Was uns die Männer nach wie vor voraushaben, ist nicht Können oder fachspezifisches Wissen. Sondern mehr Selbstvertrauen und ein unverkrampftes Verhältnis zu Wettbewerbssituationen.

Männer finden Konkurrenz normal, messen sich dauernd aneinander, wollen gewinnen, aber wissen auch, dass Verlieren dazugehört. Wir fühlen uns schnell als Person infrage gestellt, wenn wir ein gestecktes Ziel nicht erreichen oder einen Posten nicht bekommen. Deshalb wagen wir weniger, und das ist eigentlich schade. Lieber auch mal verlieren, als es gar nicht probiert zu haben.

Mut für Neues – oder auch den Mut, etwas aufzugeben. Den «Tag der Frau» an der Muba wird es in dieser Form künftig nicht mehr geben. Heute gibt es offenbar andere Gefässe, es werden nach Bedarf neue entstehen für den Austausch unter Frauen, zu den Themen, die sie interessieren. Für meine Mutter und viele Frauen ihrer und meiner Generation war dieser Tag wichtig, wegweisend, motivierend, ein Fixum im Jahreskalender. Ich danke allen, die diesen Tag in den vergangenen über 40 Jahren gestaltet haben, die eine Plattform geschaffen haben für Frauen zu den jeweils brennenden Themen und Raum für Begegnungen und Austausch. Den wünsche ich uns allen auch heute und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

16. April 2016