«Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.»

16. September 2018:
Artikel zum eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag;
Ein Feiertag für die Solidarität

Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist ein ganz spezieller Feiertag: Es ist nämlich kein kirchlicher, es ist ein staatlich angeordneter, überkonfessioneller Feiertag, der von allen christlichen Kirchen und der Israelitischen Kultusgemeinde gefeiert wird. Als 1848 der Schweizerische Bundesstaat gegründet wurde, hatte die Schweiz gerade einen Bürgerkrieg überstanden: den Sonderbundskrieg, der auch ein Krieg zwischen den Konfessionen war. Die Schweiz war zersplittert in liberale und konservative, in reformierte und katholische Gebiete. Der junge Bundesstaat führte deshalb einen Feiertag ein, den alle Konfessionen und Parteien gemeinsam feiern konnten: den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Mit dem Feiertag sollte der Respekt vor jenen gefördert werden, die politisch oder konfessionell anders denken.

«Die Trennung von Kirche und Staat im Gefolge der Aufklärung und die Verpflichtung auf die universelle Gültigkeit der Menschenrechte ist auch weiterhin die Basis für religiöse Toleranz.»

Seine Berechtigung hat der Dank-, Buss- und Bettag auch heute noch, 170 Jahre später. In unserer laizistischen Welt wird wieder über Religionszugehörigkeit und ihre kulturellen Ausdrucksformen diskutiert, nicht als Bereicherung verstanden, sondern auch als Bedrohung. Dabei haben wir alle Instrumente für ein friedliches Zusammenleben in der Hand: Die Trennung von Kirche und Staat im Gefolge der Aufklärung und die Verpflichtung auf die universelle Gültigkeit der Menschenrechte ist auch weiterhin die Basis für religiöse Toleranz.

Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag erinnert uns daran, dass es die Schweiz nur gibt, weil die Menschen es in der Vergangenheit immer wieder geschafft haben, Gräben zu überwinden, Andersdenkende zu akzeptieren und Bedürftigen zu helfen. Es ist kein Zufall, sind genau diese Ansprüche bereits in der Präambel der Bundesverfassung formuliert. Da steht, die Schweiz gebe sich die Verfassung «in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung, ihre Vielfalt in der Einheit zu leben». Der Satz ist ein Aufruf an uns alle, die anderen und Andersdenken zu achten und auf sie Rücksicht zu nehmen. Weiter erinnert uns die Verfassung daran, dass «frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht». Das ist einerseits ein Aufruf, seine eigene Freiheit auszunützen, sich zu äussern, zum eigenen Standpunkt zu stehen – und andererseits die Erinnerung daran, dass andere genau dasselbe Recht haben. Und schliesslich steht in der Präambel der Verfassung, dass «die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen». Der Zusammenhalt unserer Gesellschaft hängt davon ab, dass es auch den Schwachen gut geht.

Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag erinnert uns daran, dass der Respekt gegenüber Andersdenkenden zum Fundament der Schweiz gehört – auch dann, wenn diese anderen einer anderen Religion angehören. Der Tag erinnert uns daran, dass die Solidarität mit den Schwachen uns alle stark macht. Und er bietet Gelegenheit zur Dankbarkeit dafür, dass unser Land, unsere Kantone und Gemeinden von den kriegerischen Konflikten der letzten Jahrzehnte verschont geblieben sind.

16. September 2018