Grusswort zur Feier 200 Jahre Bürgerturnverein Basel
Geschätzter Herr Präsident
Liebe Mitglieder des Jubiläums-Organisationskomitees
Liebe aktive und passive Turnerinnen und Turner des BTV
Liebe Gäste
Ich freue mich sehr, Ihnen heute zum Auftakt Ihres Jubiläumsjahrs die herzlichsten Grüsse des Regierungsrates überbringen zu dürfen. 200 Jahre, das ist eine stattliche Zahl, damit zählen Sie zu den ältesten Turnvereinen der Schweiz, nur derjenige von Bern wurde schon drei Jahre vor Ihnen gegründet.
In diesen 200 Jahren ist viel passiert. An der Wiege der schweizerischen Turnvereine stand der deutsche Turnvater Jahn, der 1811 auf der Hasenheide in Berlin den ersten Turnplatz gründete. Geburtshelfer in vielen Kantonen waren deutsche Turner, die wegen der Turnsperre in Deutschland von 1820 als Turnlehrer an Schweizer Mittelschulen kamen. Die Ursprünge der Turnbewegung sind sehr politische, in Deutschland wie der Schweiz. Ziel des 1832 gegründeten Eidgenössischen Turnvereins war explizit die nationale körperliche und geistige Erziehung der Schweizer Jugend.
Während der ersten fast 100 Jahre der Geschichte des Turnens beschränkte sich die Rolle der Frauen auf die der Zuschauenden.
Sie halfen bei der Festwirtschaft an den Turnfesten und wuschen sicher die verschmutzten Kleider… Bis sie selber turnen durften, dauerte es noch etwas länger und das Wo und Wie war eine über Jahrzehnte heiss diskutierte Frage.
Und hier kommt ins Spiel, warum ich mich in der Regierung vorgedrängt habe, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen: In der ersten Hälfte der 90er Jahre habe ich über Protokollbüchern von Turnvereinen, über Turnschriften und sportwissenschaftlichen Arbeiten gebrütet sowie Interviews geführt mit älteren Turnerinnen und Turnern, woraus schliesslich meine Doktorarbeit in Geschichte entstanden ist, gleichzeitig ein Beitrag zur Kantonsgeschichte von Baselland, die 2001 erschienen ist.
Ich habe ein Exemplar dabei, das ich Ihrem Herrn Präsidenten verehren werde!
Die Baselbieter Kantonsgeschichte war ein tolles Projekt, aufgegleist in den 80er Jahren, was Rang und Namen hatte unter der modernen HistorikerInnenzunft der Uni Basel arbeitete daran mit – und so war ich glücklich, mir ein Thema ergattern zu können, das Turnen eben. Ich merkte bald, dass ich gerne einen Schwerpunkt auf das Frauenturnen legen wollte, das Turnen der Männer mit diesen nationalerzieherischen Aspekten, Turnvereine als parapolitische Vereine, dazu gab es in meinen Augen nicht viel Neues zu entdecken.
Die Turnbewegung der Frauen hingegen faszinierte mich. Ihre Anfänge sind um die Jahrhundertwende zu suchen, 1893 wurde in Zürich der erste Damenturnverein der Schweiz gegründet.
In unserer Region waren die Baselbieterinnen noch vor Ihnen, 1906 wurde der DTV Liestal gegründet, Ihre Damenriege gibt es seit 1910 und schon 1908 schlossen sich die ersten Vereine zum Schweizerischen Frauenturnverband zusammen, dem SFTV.
Und stellen Sie sich vor, eine Gruppe Turnerinnen Ihrer Damenriege, seit 1930 dann Turnerinnen des Bürgerturnvereins geheissen, kommt mit Bild in meinem Buch vor! Und zwar im Kapitel über die Turnkleider!
Die Bildlegende heisst: «Sprungübungen mit Einfühlen. Damenriege des Bürgerturnvereins Basel.» (Photo von 1926).
Dazu habe ich geschrieben: „Zur selben Zeit turnten aber zum Beispiel die Städterinnen wie die Turnerinnen des Bürgerturnvereins Basel auch in eng anliegenden Turnkleidern, wie Abbildung 13 zeigt, wohl nach dem Vorbild von Gymnastikschulen, die im „Frauen-Turnen“ auch immer wieder vorgestellt wurden.“
Das „Frauen-Turnen“ war die Verbandszeitschrift des SFTV, die 1921-37 als Beilage der Turnzeitung der Männer erschien, seit 1938 als eigenständige Zeitung.
Das Frauenturnen als Begleitung bzw. Verschönerung des Turnens der Männer, das kennzeichnet ganz gut die ersten Jahrzehnte des Frauenturnens.
Seien das lokale Auftritte an Festen der Männer oder auch schon in den 20er Jahren bei den eidgenössischen Turnfesten. Diese Auftritte waren keineswegs unbestritten. Sich bewegende Frauenkörper in der Öffentlichkeit, zudem in zunehmend leichterer Kleidung, generell der Sinn und Zweck von „Leibesübungen“ und das Pro und Contra von Wettkämpfen – das sind die Themen, die das Frauenturnen bis in die 70er Jahre begleiteten, die ältere Generation unter Ihnen wird das bestens wissen.
Für mich waren diese Recherchen sehr interessant. Kopfschüttelnd las ich die Schriften des Turnvaters der Frauen, Eugen Matthias über die Leibesertüchtigung der Frauen, kurz zusammengefasst mit dem einzigen Zweck, einmal gesunde Kinder zu gebären.
Ein wohltuender Kontrast dazu waren dann die Interviews mit älteren Turnerinnen, geboren zwischen 1904 und 1920. In diesen Gesprächen wie auch auf den zahlreichen Photos, die ich über die Jahre gesichtet habe, ist deutlich zu spüren und zu sehen, dass Freude an der Bewegung und auch voller Einsatz bei den Wettkämpfen, die sich ihren Platz natürlich gegen allen Widerstand der Turnväter eroberten (in den ersten Jahren einfach ohne offizielle Rangverkündigung…), ebenso wie geselliges Beisammensein schon damals die Motivation waren, in einer Riege oder einem Turnverein mitzumachen.
Und so ist ja noch heute. Sie sind ein polysportiver Verein mit einem breiten Angebot an Bewegungsmöglichkeiten für beide Geschlechter und alle Altersstufen. Sie sprechen Menschen an, die nicht alleine durch den Wald joggen wollen, sondern ihre Fitness in einer Gruppe verbessern oder natürlich auch Wettkämpfe bestreiten wollen.
Wobei ein Riesenunterschied natürlich darin besteht, dass das Angebot heute viel grösser ist, was ja das Vereinsleben in verschiedenen Bereichen in den letzten Jahren nicht immer einfach macht. Denn nach wie vor ist es Freiwilligenarbeit, welche die Vereine trägt. Und für diesen Einsatz von Ihnen allen möchte ich mich im Namen des Regierungsrates ganz herzlich bedanken. Dieser Einsatz fürs Gemeinwohl, sei es als Trainer in einem Turn- oder Sportverein, als Leiterin bei den Pfadi, die Mitwirkung in einem Chor oder in einer politischen Partei – das hält unsere Gesellschaft zusammen, indem wir miteinander reden, zusammen etwas unternehmen, die Ansichten und Meinungen anderer Menschen kennen- und respektieren lernen und so weniger anfällig sind für einseitige Interpretationen und einfache Wahrheiten bzw. Fake news, wie das heute heisst.
Damit habe ich habe Ihren Verein noch gar nicht richtig gewürdigt. Die vorliegende, wunderschön gestaltete und reich bebilderte Chronik gibt einen schönen Einblick in die vergangenen hundert Jahre. Von der Gründungsgeschichte und der Rolle des Zofingervereins, über die Auseinandersetzungen zwischen Akademikern und Nichtakademikern, die Gründung von Damen- und Mädchenriege und anderen Sektionen und überhaupt über das unterschiedliche sportliche – wie man heute als Oberbegriff eher sagen würde – Angebot Ihres Wirkens.
Über die verschiedenen Formen von Geselligkeit, die immer zum Turnen gehörten oder über das integrative Wirken, das sich schon 1831 an einem Beispiel schön zeigte, als fünf junge griechische Flüchtlinge in den Verein aufgenommen wurden, die im Unabhängigkeitskampf ihres Landes gegen die osmanische Herrschaft ihre Eltern verloren und von der Schweiz Asyl erhalten hatten.
Oder über sportliche Grössen des Vereins wie den Kunstturner Eugen Mack, der dem BTV 1927 beitrat und an den Olympischen Spielen 1932 vier Silbermedaillen gewann, bevor er zwei Jahre später fünffacher Weltmeister wurde. Oder Eugen Holzherr, der dem Verein 1952 beitrat und drei eidgenössische Turnfeste gewann.
Über die Jahre kamen sich Frauen und Männer sportlich immer näher, 1985 fusionierten der ETV und der SFTV zum Schweizerischen Turnverband (STV), 1992 folgten die kantonalen Verbände in Land und Stadt und seit dem 25. April 2001 sind auch die Turnerinnen und Turner des Bürgerturnvereins in einem Hauptverein zusammengeschlossen.
Für Ihr Jubiläumsjahr und für Ihre weitere Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute, viel Erfolg und viel Spass. Sie leisten herausragendes für unsere Gesellschaft - vielen herzlichen Dank im Namen der ganzen Regierung.