Stadtluft - Unfertige Gedanken über die Stadt
8. Juli, 18.30h, im Basler Stadthaus
Im April bin ich ins Kleinbasel gezogen – also nicht ganz, aber es fühlt sich so an. Ich habe ein Büro bezogen in einem Dachstock an der Feldbergstrasse.
Ich habe mein Büro eingerichtet wir damals zu Studenteninnenzeiten: habe Brockenhäuser abgeklappert, Schränke oder die Mikrowelle von Freunden übernommen, die grad umgezogen sind, Pflanzen angeschleppt, die einzig neuen Möbel sind ein höhenverstellbarer Schreibtisch und ein neuer Bürostuhl für potenzielle Büropartner und der schönste knallrote kleine Kühlschrank, den es gibt!
Im Kopf habe ich mir zusammengestellt, wie es aussehen muss, es gibt Holz, schwarzes Leder, Chromstahl und rot als Farbe – grossartig.
Und warum kam es soweit? Vielleicht hätte ich ohnehin irgendwann ein Büro gemietet, aber während Corona ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Kein Arbeitsweg mehr auf dem Velo, nicht mehr den Kopf auslüften auf dem Hin- und Rückweg, sondern frühstücken und einen Stock höher an den Schreibtisch – was noch ein Privileg ist, nicht gleich am Küchentisch sitzen bleiben – die Homeoffice-Euphorie kann ich nicht verstehen.
Damit wären wir mitten drin im Thema: kommt jetzt der Aufschwung der Provinz dank Digitalisierung? Wir zwängen uns nicht mehr in Zug und Bus und pendeln zum Arbeitsort.Wir bleiben zu Hause, bestellen online, pflegen den Garten und schauen abends Netflix, da es zu aufwändig ist, den Weg ins Kino oder ins Theater unter die Füsse zu nehmen und man sich alles ins Haus holen kann. Ausserdem sitzen da keine fremden Leute im selben Raum, die mit Schokoladepapier rascheln oder ihre XXL-Popcorn-Kübel erst kurz vor der Pause leer gegessen haben und man nur beten kann, dass sie ihn nicht wieder auffüllen lassen.
Sind wir soziale Wesen oder sind wir froh, wenn wir dank Technik möglichst niemanden in personam sehen geschweige denn riechen oder spüren müssen?
Endlich hört diese überbordende Küsserei auf, die in der Politik Ausmasse angenommen hat, die nichts mehr mit Sympathie zu tun hat, sondern zur Standardbegrüssung geworden ist, ob man sich jetzt mag oder nicht - diesen Stossseufzer haben wir Frauen schon in den ersten zwei Wochen der Frühjahrssession 2020 zum Himmel gesandt, als die Verhaltensregeln: nicht küssen und nicht Hände schütteln ganz neu waren – bevor dann Mitte März der Lockdownausgerufen wurde und wir nach Hause geschickt wurden. Gleichzeitig waren wir froh, dass wir im Ständerat nie Kommissionssitzungen per Zoom durchführen mussten und auch die Sessionen in der Expo waren ok, auch wenn das Essen schlecht war und die Handdesinfektionsmittel nach Kirsch rochen… Per Zoom kann man nicht Politik machen, kann man keine Lösungen finden. Man muss rund um die Kommissions- und Plenumssitzungen Gespräche führen können, Kompromisse ausloten, sonst könnte man gleich ohne Diskussion abstimmen und das Resultat wäre vorhersehbar: nach Parteilinie.
Die Mobilisierung konservativer Kreise auf dem Land wegen der Agrarinitiativen hat das CO2-Gesetz mit sich in den Abgrund gerissen. Die SVP feierte ihren Triumpf mit Höhenfeuern in allen Kantonen und gratulierte ihren Anhängerinnen und Anhängern zum Sieg des Landes über die arrogante Stadt, die wahre Schweiz, das heisst die ländliche Schweiz hat gesiegt, der Angriff auf die Existenz der Bäuerinnen und Bauern ist abgewehrt, Pestizide dürfen bleiben und das Benzin wird nicht teurer. Die SVP beschwört einen Kulturkampf zwischen Stadt und Land herauf, in dem nach der Demütigung bei der Zweitwohnungsinitiative und dem Jagdgesetz endlich wieder die Guten gesiegt haben.
Ich bin in Pratteln aufgewachsen, das ist nicht Agglomeration Basel, wie wir immer betont haben, Pratteln war ein bedeutender Industrieort, Firestone, Teerindustrie, chemische Industrie, ist heute vor allem ein Logistik- und Dienstleistungszentrum. In den 60er und 70er Jahren schon gross genug, dass sich nicht alle kannten, schon zu meiner Schulzeit mit über 10'000 Einwohnerinnen und Einwohnern, aber auch Dorf genug für ein reges Vereinsleben mit Turnverein, Frauenriege, Männerchor, Theatergruppe, Fussballclub, später Jugendhaus und Dritte-Weltladen. Mit 21 zog ich «in die Stadt», Basel natürlich, wo ich studierte, mich zog es immer in die Stadt, grösser als Pratteln musste es sein. Basel ist keine Grossstadt, ist nicht hektisch, aber Basel ist kein Provinzkaff dank des Wohlstandes durch die Industrie, die guten Bildungsinstitutionen und das reichhaltige Kulturleben. In Basel kann man in ein neues Quartier ziehen und erst mal niemanden kennen und dann entdecken, wer da auch noch wohnt oder arbeitet – so wie ich jetzt im Kleinbasel.
Verglichen mit dem Neubad, wo ich wohne, ist das Kleinbasel wie eine andere Stadt, die Bevölkerungszusammensetzung ist ganz anders, der Ausländeranteil höher, aber keine Banlieu-Atmosphäre wie in Quartieren wirklicher Grossstädte. Menschen aus allen Teilen der Welt, aus unterschiedlichen sozialen Schichten und viele junge Leute, Studentinnen und Studenten, kleine Läden, tolle Cafés und Restaurants, ein lebendiges Quartier, natürlich nicht ohne Probleme und trotz Unkenrufen würde ich auch nicht von Gentrifizierungsprechen. Quartiere verändern sich, Gebäude werden älter, Wohnungen billiger, sie ziehen Menschen mit tiefen Einkommen an, dann wird der Baubestand erneuert, Population und Einkommen verändern sich – gibt man der Entwicklung Zeit, ist das ein nachvollziehbarer Prozess.
Als ich Regierungsrätin wurde, war die Entwicklung der Erlenmatt im Gang, ansonsten war Basel quasi gebaut. Neidisch schauten wir nach Zürich oder Winterthur, wo ehemalige Industriebrachen Möglichkeiten boten für experimentelle Wohnformen – nicht nur neidisch allerdings, waren dem neuen Blühen doch der Niedergang früherer Industriezweige und wirtschaftlich schwierige Zeiten vorausgegangen, welche wir in dieser Art nicht kannten. Basel hatte seine schwierigen Zeiten ab den 70er Jahren mit einem Exodus von natürlichen Personen ins Umland, wegen tieferer Steuern und der Möglichkeit, ein eigenes Haus zu bauen – ein Ding der Unmöglichkeit in der Stadt.
In den letzten Jahrzehnten ging die Bewegung wieder in die andere Richtung, man zog wieder in die Stadt, schweizweit und auch in Basel, junge Leute, Beschäftigte der grossen Firmen, auch Familien, da viel in den Wohnungsbau und das Wohnumfeld investiert wurde. Bei der Erlenmatt hat es etwas gedauert, allmählich lebt das Quartier, gerade Genossenschaften haben spannende Wohnexperimente umgesetzt. Für diejenigen unter Ihnen, für die dieser Teil der Stadt noch Terra incognita ist – drehen Sie mal eine Runde mit dem Velo, es lohnt sich.
Und jetzt sind wir an der Transformation des Klybeck-Areals. Es wird Jahrzehnte dauern, bis dort ein lebendiges Quartier mit Wohnen und Arbeiten, Schule und Freizeit bestehen wird, die Interessen der Landbesitzer sind nicht dieselben wie derjenigen, die dort wohnen oder sich vergnügen wollen. Und die Altlasten im Boden als Erbschaft der Chemie werden die Entwicklung nicht vereinfachen.
Stadt mitgestalten, Veränderungen anstossen und umsetzen, nicht nur Altes bewahren, das Lebendige einer Stadt – Zuzug und Wegzug von Menschen, abhängig von Arbeitsmöglichkeiten und persönlicher Lebensplanung, konstante Veränderung. Innovation geschieht in den Städten, Bewohnerinnen und Bewohner von Städten sind offener, erst recht in Grenzregionen. Fremdenfeindliche Politik hat in den Städten mit ihrem höheren Ausländeranteil weniger Zuspruch als auf dem Land. Wenn man das Fremde oder die Fremden kennt, sind sie weniger bedrohlich. Die städtische Bevölkerung ist toleranter gegenüber Andersdenkenden. Dieses Bild bestimmt mein Denken, seit es mich in die Stadt gezogen hat. Deshalb BIN ich in die Stadt gezogen. Stimmt dieses Bild?
«Stadtluft macht frei» - der Satz, der diese Reihe von Beiträgen begleitet, bedeutete im Mittelalter, dass man in der Stadt einem untergeordneten sozialen Status entfliehen konnte, nach einer gewissen Aufenthaltsdauer wurden ehemalige Leibeigene freie Stadtbewohner. Man zieht in die Stadt, um neu anfangen zu können, man entflieht den engen dörflichen Strukturen, wo jede jeden kennt, und hat die Chance auf einen Neuanfang. Freiheit durch Distanz, gleichzeitig kann man neue Beziehungen eingehen, frei von alten gesellschaftlichen Zwängen, es zu einer Durchmischung von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Ein Idealbild oder Realität?
Die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh zeichnet in ihrem neuesten Buch «Über Menschen» ein anderes Bild. Wie schon in ihrem früheren Roman «Unterleuten», zieht auch hier eine junge Frau, Akademikerin, eher links-grün, aus Berlin in die Provinz, nach Brandenburg. Sie kauft ein altes Haus, flieht aus der Stadt und aus ihrer Partnerschaft. Ihr Nachbar stellt sich ihr als «der Dorfnazi» vor, es entwickelt sich eine Geschichte, gespiesen aus gegenseitigen Vorurteilen, Unverständnis und sich Näherkommen, in der aber auch nicht versucht wird, alles zu erklären geschweige denn, dass die einen die anderen zu ihren jeweiligen Ansichten bekehren wollen, und gleichzeitig gibt es mehr Gemeinsamkeiten als die Beteiligten jeweils vermutet hätten. Juli Zeh hat nicht dieses positive Bild der Stadt, das ich vorhin gezeichnet habe. Sie sagt, die Städte hätten sich sehr stark «sortiert». Leute, die unterschiedlich denken, würden sich nicht mehr treffen, sich gar nicht kennen. Dora, die Hauptfigur aus ihrem Buch, hätte in der Stadt nie einen Neonazi kennengelernt, da sie nicht in ein Quartier gezogen wäre, wo Neonazis wohnen.
Nun ist sie auf dem Dorf und kann ihm nicht ausweichen. Sie müsse ihn «aushalten». Mit aushalten meint Juli Zeh, man müsse auf dem Dorf die Widersprüche aushalten, könne nicht ausweichen, sei auf Nachbarschaft angewiesen – in der Stadt sei alles organisiert von der Müllabfuhr, über Beratungsstellen für jedes denkbare Anliegen bis zum flächendeckenden Nahverkehr, dies sei auf dem Dorf nicht der Fall, man müsse sich gegenseitig aushelfen. Sie zeichnet die städtische Bevölkerung als intoleranter, «das geht gar nicht», sei quasi ein Stehsatz in der Stadt, mit dem man versuche zum Verschwinden zu bringen, was einem nicht passt – auf dem Land müsse man Widersprüche aushalten, man könne nicht ausweichen.
Idealisiert sie nun ihrerseits das Leben auf dem Land? Ihrfrüherer Roman «Unterleuten», der ebenfalls auf dem Land spielt, ebenfalls von neu zugezogenen Städterinnen und Städtern auf dem Land erzählt, ist viel schwärzer und böser… Juli Zeh ist selber aus Berlin aufs Land gezogen – zeichnet sie nun ein versöhnliches Bild ihrer neuen Umgebung, weil sie es so haben möchte?
Vor ein paar Jahren habe ich in Berlin an einem Podium teilgenommen zum Thema Populismus. Alles sprach damals vom Stadt – Land – Graben, typisches Beispiel war die Situation des Rust Belt in den USA, die heruntergekommenen Industriegebiete, die Arbeitslosigkeit in weiten Landstrichen, während die neuen Arbeitsplätze in der Dienstleistungsbranche der grossen Städte entstanden. Verlierer waren die «alten weissen Männer», die Industriearbeiter der Schwerindustrie, zu den Gewinnerinnen gehörte insbesondere die wachsende Zahl gut ausgebildeter Frauen, denen der dritte Sektor neue Arbeits- und Aufstiegsmöglichkeiten bietet. Die Folge: Konflikte zwischen Stadt und Provinz wie auch zwischen den Geschlechtern, und ein Zuspruch zu populistischen Bewegungen bei den Verlierern.
Je mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetzte, desto mehr kam ich zum Schluss: ein solcher Stadt-Land-Graben existiert nicht in der Schweiz. Es gibt nicht nur in den Städten gute Infrastruktur, auch das Land wird nicht vernachlässigt. Wir bauen Strassen in die hinterste Ecke der Schweiz, ziehen Leitungen und bauen Antennen, und der Finanzausgleich sorgt dafür, dass jeder Kanton und jede Stadt die notwendigen Leistungen für seine und ihre Bevölkerung erbringen kann. Bei uns ist es sogar so, dass die kleinen ländlichen Kantone der Innerschweiz und der Ostschweiz die Wirtschaftskantone und die Wünsche der städtischen Bevölkerung in den Volksabstimmungen durch das Ständemehr in die Minderheit versetzen können.
Wir leben in einer Zeit der Globalisierung und Internationalisierung, in einer Zeit weltweiter Arbeitsteilung und globalen Handelns und die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt in Städten und Agglomerationen. Auch politisch sollten wir über die nationalen Grenzen hinaus zusammenarbeiten, da die grossen Probleme wie der Klimawandel oder die Migration nur supranational zu lösen sind. Hierfür hat die SVP mit ihrer Betonung des Ländlichen, des Nationalen, des Schweizerischen in einem ausgrenzenden Sinn und der Heraufbeschwörung längst vergangener Werte und Welten keine Rezepte.
Unerschrocken bietet sie deshalb ihre alten Rezepte an, mit der leider nicht unbegründeten Hoffnung, dass einfache Parolen in einer zunehmend komplexeren Welt mit Erleichterung aufgenommen werden – und beschwört so einen Kulturkampf zwischen Stadt und Land herauf in der Schweiz, der gar nicht existiert, aber ohne den sie ihre Existenzgrundlage verlieren würde.
Vor kurzem wollten mich zwei Studentinnen für eine Arbeit dazu befragen, was negativ sei an der direkten Demokratie, was besser wäre ohne direkte Demokratie. Durchdrungen von der grossen Sorge, welche mir die Autokraten und Despoten machen, deren Zahl weltweit zunimmt, sagte ich höflich ab. Die direkte Demokratie mag anstrengend sein, aber ich haltesie für die beste Regierungsform, sie mag Dinge langsam voranbringen, aber sie beteiligt maximal viele Menschen an den Entscheidungen. Seit 50 Jahren dürfen auch wir Frauen mitmachen – und ich würde es sehr begrüssen, wenn auch Menschen ohne Schweizerpass, die seit Jahrzehnten hier leben und Steuern bezahlen, an unseren Entscheiden aktiv teilhaben könnten. Wer mitreden darf, fühlt sich weniger ausgeschlossen, ob er oder sie nun in der Stadt wohnt oder auf dem Land.
Bereit sein zuzuhören, seine Haltung und seine Werte zu begründen und seine eigene Position zu überdenken ist die Basis für ein friedliches Zusammenleben von Menschen auf dem Dorf oder in der Stadt und gerade in einer Willensnation wie der Schweiz, die sich mit ihrem System der direkten Demokratie und der Politik der kleinen Schritte immer aufs neue zusammenraufen muss, in der Stadt und auf dem Land…
EH/8. Juli 2021