Gegensätze – Einige Gedanken zu einer Welt im Umbruch


Rede von Ständerätin Eva Herzog beim Rotary Club Basel
Schlüsselzunft Basel, 26. Januar 2026

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin
Werter Herr Programmchef
Liebe Rotarier:innen

Da habe ich mir ja was eingebrockt mit meiner Zusage! Was für ein spannendes, umfassendes und anregendes Motto haben Sie dem Programmjahr 2025/2026 vorangestellt!

Es würde mich ja wundernehmen, was andere Referierende Ihnen erzählt haben.

Wenn ich irgendwo auftrete und über meine Themen spreche – von der Schuldenbremse über die Medienvielfalt bzw. Medienarmut, die Individualbesteuerung bis zur Durchmesserlinie –, dann ist klar, worüber ich spreche: Sachthemen, Stand eines politischen Geschäfts, meine persönliche Meinung, ich appelliere an mein Publikum vor einer Abstimmung: Stimmen Sie Nein zur Halbierungsinitiative und Ja zur Individualbesteuerung, Nein zur 10-Millionen-Schweiz-Initiative und Ja zu den Bilateralen Verträgen III... Zum Beispiel...

Aber mein Gott, worüber spreche ich heute? Erst war der Anlass noch weit weg, dann kam er mit grossen Schritten näher und in den letzten Tagen habe ich die Welt nur noch durch die Brille von Gegensätzen gesehen: wirklichen, vermeintlichen, wandelbaren, angenommenen, vergangenen, zukünftigen...

Gerne lasse ich Sie nun an meinen Assoziationen teilhaben.

Gegensätze schliessen sich aus

Aufs Erste scheint der Kern vom Konzept Gegensatz etwas Unvereinbares zu sein: Eigenschaften, die sich konträr gegenüberstehen. Oder in der Politik: unterschiedliche Auffassungen, die am Anfang jeder politischen Diskussion stehen und von denen ausgehend, alle Beteiligten Schritte machen müssen, um zu einer Lösung zu kommen. Der berühmte gutschweizerische Kompromiss, der unser System trägt. Die Gegensätze bleiben aber bestehen.

Gegensätze bringen uns weiter

Die Tatsache, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, führen einen zum Nachdenken – im besten Fall. Und sind eigentlich eine Grundvoraussetzung dafür, dass man bereit ist, auf andere zuzugehen, die sich nicht nur in derselben Bubble bewegen.

Damit sind wir bei einem Phänomen unserer Zeit, das ich für sehr gefährlich halte: Social Media funktionieren über Algorithmen so, dass man das zugespielt bekommt, wofür man sich mal interessiert hat, und nicht völlig gegensätzliche Standpunkte. Das bestärkt einen im eigenen Standpunkt und reduziert die Bereitschaft, andere Standpunkte nur schon verstehen zu wollen, geschweige denn sie zu respektieren. Unterschiedliche Standpunkte, die es in der realen Welt nun mal gibt. KI verschärft das Phänomen, macht die Bubbles virulenter. Der ganze angehäufte digitale Schrott, Fehlbehauptungen etc., werden nicht aussortiert, sondern vervielfacht.

Gegensätze relativieren das Geschehen

Meine Kinder waren mit 5 und 8 Jahren noch relativ klein, als ich Regierungsrätin wurde. Ich fand es absolut wohltuend, wenn ich nach Hause kam und sie mich in Beschlag nahmen und von ihrem Tag erzählten – eine so ganz andere Welt als diejenige, die mich den ganzen Tag beschäftigt hatte. Kein besseres Mittel, um runterzufahren und auf andere Gedanken zu kommen. Vieles, was tagsüber so wichtig schien, relativierte sich angesichts dieser ganz anderen Welt.

Gegensätze sind nicht in Stein gemeisselt

Gegensätze verändern sich mit der Zeit. Was neu war, wird alt, Altes bleibt, verbindet sich mit Neuem zu etwas ganz Neuem oder das Alte kann nur durch Neues bestehen. Jetzt brauchen Sie ein Beispiel: Was haben Drohnen mit Alpwirtschaft zu tun?

Am Wochenende war ich in Bergün, ein Wochenende mit Bergen und Kultur (Achtung, das ist jetzt kein Gegensatz). An einem der Kulturanlässe war eine Referentin, die auf 1600m, auf dem Hof ihrer Eltern, ein Feinschmecker-Restaurant mit fast ausschliesslich regionalen Produkten betreibt. Sie erzählte, dass ein Geissenhirt auf einer Alp diejenigen Geissen, die beim ersten Zusammentreiben noch nicht da sind, von einer Drohne suchen lässt. Und nicht nur das: die Drohne treibt die Geissen vor sich her zurück zur Alphütte! Den Käse, den er herstellt, macht er immer noch nach traditionellem Rezept und mit alten Methoden. Aber die Drohne erleichtert ihm die Arbeit, macht es möglich, dass er seinen Käse noch produzieren kann. Ermöglicht, dass die Tradition weiterlebt. Sie sagte, sie finde nicht Traditionen interessant, sondern was mit ihnen passiere.

Im besten Fall bringen Gegensätze die Welt voran.

Gegensätzliches kommt zusammen und formt neue Gegensatzpaare

Beispiel 1: Staatskapitalismus

Auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch in sich. So zumindest kam das bei mir an, als ich mich vor Jahren zum ersten Mal mit chinesischer Finanz- und Wirtschaftspolitik beschäftigt habe. Ich war fasziniert davon, wie sich ein kommunistischer Staat Instrumente des ideologischen Gegners zu eigen machte: den Kapitalismus. Betrachtet man Kapitalismus aber als das was er ist – keine politische Ideologie, sondern ein Wirtschaftssystem –, dann ist es schon weniger erstaunlich.

Auch das kapitalistische System westlicher Prägung ist auf Regeln angewiesen, die der Staat auf unterschiedliche Weise setzen kann, bis zu staatlicher Lenkung der Wirtschaft in autoritären Staaten. Heute träumen nicht nur kommunistische Herrscher davon.

Beispiel 2: Libertärer Autoritarismus und demokratischer Faschismus, geprägt von Oliver Nachtwey und Caroline Amlinger

Oliver Nachtwey, Soziologieprofessor an unserer Universität, und Soziologin Caroline Amlinger beschreiben in ihrem Bestseller «Gekränkte Freiheit» von 2022, wie Libertarismus und Autoritarismus in unserer Gesellschaft miteinander verschmelzen können. Der libertäre Autoritarismus ist nach ihrer Definition eine Folge der Freiheitsversprechen der Spätmoderne: Mündig solle er sein, der einzelne Mensch, dazu noch authentisch und hochgradig eigenverantwortlich. Gleichzeitig erlebe er sich als zunehmend macht- und einflusslos gegenüber einer immer komplexer werdenden Welt. Dies werde als Kränkung erfahren und äussere sich in Ressentiments und Demokratiefeindlichkeit.

In ihrem neuen Buch von 2025 – «Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus» – führen sie die Analyse fort. Sie befassen sich mit den Wähler:innen und Followern von Trump, Musk sowie der AfD und fragen, warum so viele Bürger:innen den libertären Autoritären in den selbstgewählten Faschismus folgen.

Ihre Antwort: Viele Menschen hätten den Eindruck, dass die Zukunft keine Verbesserungen mehr bereit halte für sie. Auseinandersetzungen würden sich nicht mehr vorrangig an der gerechten Verteilung wachsenden Wohlstands entzünden, sondern an der Frage, wie begrenzter oder gar schrumpfender Reichtum aufgeteilt werden solle. «In der Zeit nach dem Fortschritt werden Gewinne und Verluste in einer Nullsummenlogik miteinander verknüpft: Was die eine gewinnt, muss zwangsläufig ein anderer verlieren.»

Und dann weiter, ganz verheerend: «Voneinander unabhängige Prozesse werden über falsche Zusammenhänge amalgamiert und projektiv verknüpft: An der maroden Infrastruktur sind die Linken, am blockierten Aufstieg die Geflüchteten schuld. Aus dem Gefühl des blockierten Lebens, erwächst eine hyperindividualistische Weltwahrnehmung, in der Fortschritt nur noch auf Kosten anderer möglich ist.» (S. 16/17)

Auch David Dorn, Ökonom und UBS-Professor für Globalisierung und Arbeitsmärkte an der Uni Zürich, kommt zum Schluss, dass wir zu lange übersehen haben, dass die Globalisierung der Märkte den Wohlstand zwar insgesamt erhöht hat, dass aber nicht alle gleich davon profitiert haben. Und dass die Ideologie, welche die Globalisierung treibt, möglichst grosse Freiheit und Eigenverantwortung, nun dazu geführt hat, dass die Globalisierungsverlierer zunehmend frustriert sind und wütend darüber, dass sie – der liberalen Ideologie folgend – selber schuld sein sollen, dass sie es nicht geschafft haben.

Entsprechend sind sie empfänglich für grossmäulige Retter, die versprechen, sie aus ihrer wirtschaftlich schwierigen Lage zu befreien. So widersprüchlich und untauglich die Rezepte auch sein mögen.

Gegensätze ordnen die Welt

Gegensätze sind definiert, sie haben ein Profil: Krieg oder Frieden, freundlich oder feindlich, verbindlich oder unverbindlich, ehrlich oder unehrlich, die Wahrheit sagen oder lügen, eine Lösung anstreben oder hintertreiben… Sie ahnen wohl inzwischen, worauf ich hinauswill: ist unsere Gegenwart von solchen Gegensätzen geprägt oder stehen diese Konzepte nicht vermehrt nebeneinander oder über- und untereinander, in chaotischer Anordnung?

Woran denke ich? Ja, an den amerikanischen Präsidenten. Auch dieser kleine Vortrag kommt nicht ohne ihn aus. Wir verfolgen alle fasziniert, fassungslos und mit zunehmender Abscheu, wie er jede Regel guten Anstands verletzt, gegen jede Logik handelt, einfach immer noch eins drauf gibt. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Gibt es eine eigene Trump-Logik, einen roten Faden in seinem Verhalten, die grosse Ideologie oder Verschwörungstheorie?

Die einen sagen, es sei das Geld. Laut dem kalifornischen  Gouverneur Gavin Newsom hat sich Turmp im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit privat – persönlich und für seinen Clan – bereits um 1.5 Milliarden Dollar bereichert. Er ist daran, ein privates Imperium zu installieren, das seine «Regentschaft» überdauern wird. Er betrachtet den Staat als persönliches Eigentum. Ein Konzept aus dem Mittelalter – es wirkt aber aktuell wie nie.

Wenn es nur ums Geld geht, muss man sich tatsächlich nicht den Kopf zerbrechen über die vermeintlichen Gegensätze. Wenn er an einem Tag in Grönland militärisch einmarschieren will und am nächsten Tag nicht mehr. Wenn er aus allen bestehenden internationalen Organisationen austreten und ein eigenes groteskes «Board of Peace» gründen will, zu dem er ausgerechnet auch die Länder einlädt, vor deren Attacken er Grönland angeblich schützen wollte: China und Russland. Oder wenn er behauptet, dass die Erderwärmung eine Erfindung sei - obwohl ausgerechnet das Schmelzen der Arktis Grönland strategisch plötzlich eine neue Bedeutung verleiht.

Geld als Antriebskraft des Immobilienmaklers, das reicht mir nicht ganz. Warum braucht er dann Friedensnobelpreise?

Den gemeinsamen Nenner, den ich – bei allen Gegensätzen – sehe: Sein Ego! Er kommt mir vor wie ein grosses Kind, das spielt, die Grenzen auslotet, immer weiter geht, weil niemand ihm Grenzen setzt. Ist ihm immer bewusst, dass er sich in der realen Welt bewegt mit realen Folgen? Ich weiss es nicht.

Das Verhalten von Trump macht deutlich: Gegensätze machen die Welt erfahrbar, fassbar, sie ordnen die Welt. Auch wenn sich Gegensatzpaare verändern, so ist dies gleichwohl nachvollziehbar. Man kann die Veränderung beobachten, es gibt eine gewisse Logik, man kann Veränderungen erklären, begründen, sich an etwas halten. Aber wenn die Gegensätze durcheinanderwirbeln wie Konfetti in einem Gitter, in das Wind reingeblasen wird, damit können wir nicht umgehen.

Lost in transition – Verloren im Übergang, das sagte ein Teilnehmer des WEF über die Schweiz, die verloren in der neuen Welt umhertaumelt.

«Nichts ist definitiv – das ist für Schweizer wahnsinnig schwierig», sagte Bundesrat Ignazio Cassis, der wenigstens ein paar deutliche Worte fand zum unmöglichen Verhalten des wichtigsten Mannes der Welt. Die neue Welt sei ganz anders als die Schweiz: viel unsteter, unsicherer. Wir müssten uns neu erfinden. Nur ist noch nicht klar, was das genau bedeutet.

Es gilt nichts mehr, füge ich an. Man darf alles, wenn man genug Macht hat. Die Errungenschaften der Erklärung der Menschenrechte, das Völkerrecht, die regelbasierte Weltordnung – dies alles weicht derzeit einer totalen Ungewissheit und Unordnung. Noch wollen wir es nicht glauben, ich auch nicht, aber das Recht des Stärkeren ist daran, sich als oberster Leitwert durchzusetzen. Abgemildert derzeit noch durch Taco (Trump always chickens out), dem wohl berühmtesten galoppierenden Gegensatz der Gegenwart...

Und damit danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!